{"id":1295,"date":"2010-02-16T11:53:53","date_gmt":"2010-02-16T10:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=1295"},"modified":"2010-02-17T11:01:01","modified_gmt":"2010-02-17T10:01:01","slug":"der-schrille-sound-des-feuilletons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/der-schrille-sound-des-feuilletons\/","title":{"rendered":"Der schrille Sound des Feuilletons"},"content":{"rendered":"<p>An der Debatte um das Buch &#8222;Axolotl Roadkill&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/lovelyskizze\" target=\"_blank\">Helene Hegemann<\/a>\u00a0ist sehr vieles interessant &#8211;\u00a0bis auf das Buch selbst und die Autorin. Es w\u00fcrde kaum verwundern, wenn der Roman\u00a0nur ver\u00f6ffentlicht wurde, um den Literaturbetrieb im Land der Dichter und Denker als \u00fcberdrehten Christkindlmarkt der geldgetriebenen Hysterien zu entlarven. <!--more-->Blogger <a href=\"http:\/\/www.gefuehlskonserve.de\/axolotl-roadkill-helene-hegemann-jeder-versuchte-diebstahl-wird-zur-anzeige-gebracht-12022010.html\" target=\"_blank\">Deef Pirmasens <\/a>schreibt zum Plagiatsfall:<\/p>\n<blockquote><p><em>Es ist nicht Heleme Hegemanns alleinige Schuld, aber sie hat durch ihr Wirken nacheinander das Ansehen der deutschen Literaturkritik, des Ullstein Verlags und gestern das des Buchpreises der Leipziger Buchmesse besch\u00e4digt.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Was, wenn das die Absicht war?<\/p>\n<p>Nachdem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lila,_Lila\" target=\"_blank\">&#8222;Lila, Lila&#8220;<\/a> den romantisch-verkitschten Seitenhieb auf diesen Betrieb anbot, kommt nun die Hardcorevariante &#8211; allerdings in realitas. Das deutsche Feuilleton konnte sich zun\u00e4chst kaum\u00a0einkriegen vor so viel Talent. Nun erfolgt, nach der vermeintlichen Enttarnung des &#8222;Plagiatfalls Hegemann&#8220;\u00a0die 180-Gradwendung. Dabei sind bezeichnenderweise M\u00e4nner die Protagonisten. Und sie machten die Fehler, die den Literaturbetrieb kennzeichnen:\u00a0<\/p>\n<p>1. Sie verga\u00dfen, dass Literatur IMMER Fiktion\u00a0ist. Sie lasen &#8222;Axolotl Roadkill&#8220; wie das Tagebuch einer 16-j\u00e4hrigen. Peter M\u00fchlbauer <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/blogs\/6\/147073\" target=\"_blank\">verweist<\/a> zu Recht auf die Implikationen dieser Sichtweise in den Zeiten von Sperrgesetzen und Zensurdebatte.\u00a0 Das Buch &#8222;Strobo&#8220;, in dem der Blogger <a href=\"http:\/\/airen.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Airen<\/a>,\u00a0eine von Hegemanns Quellen, seinen Blog ausdruckte, hat jedenfalls kaum Aufsehen erregt, obwohl Airen die Geschichten in einer &#8222;schlimmen Zeit&#8220; seines Lebens so oder so \u00e4hnlich erlebt haben d\u00fcrfte. Aber ein einsamer Praktikant einer gro\u00dfen Unternehmensberatung &#8211; auf der Suche nach dem gro\u00dfen\u00a0 MEHR &#8211; h\u00e4tte wohl zu sehr auf die Protagonisten\u00a0auf den\u00a0Wirtschaftsseiten der genannten gro\u00dfen Tageszeitungen verwiesen. Zudem ist das Buch in einem Subkulturverlag ohne PR- und Marketingabteilung. erschienen. Seine Credibility ist\u00a0unbestritten, als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Altherrenphantasien ist er hingegen unbrauchbar.\u00a0Er h\u00e4lt auch\u00a0keine Geldmaschine am Laufen, sondern <a href=\"http:\/\/airen.wordpress.com\/2010\/02\/14\/multimediale-lesungen-von-strobo\/\" target=\"_blank\">liest<\/a> bestenfalls auf eigene Rechnung in Clubs. Die Diagnose Airens (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101\/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" target=\"_blank\">FAZ<\/a>), dass\u00a0sein Buch selbst jetzt, nach der Entlarvung des &#8222;Plagiatsfalles&#8220;, keine besondere Beachtung in den Zeitungen f\u00e4nde, ist aus der Logik des &#8222;Betriebes&#8220; heraus durchaus begr\u00fcndet. Niemand in diesem Apparat hat ein Interesse an einem 28j\u00e4hrigen Erwachsenen, der nach einer harten Zeit der Adoleszenz gl\u00fccklich sein Leben lebt.<\/p>\n<p>2. Sie sind erz\u00fcrnt, dass Hegemann nicht das ist, was sie selbst in\u00a0ihrer Jugend gern gewesen w\u00e4ren &#8211; ein abgefucktes, wildgewordenes, einsames\u00a0Genie, das alle lieben. M\u00f6glicherweise ist der Roman von einem ganzen Team von Menschen geschrieben worden und Helene Hegemann fungierte lediglich als Marke. Beispiele f\u00fcr solch ein Vorgehen gibt es nicht erst seit Bertolt Brecht, der zumindest ab Mitte der 20er Jahre neben dem Beruf des Dichters und Regisseurs auch als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Marketingleiter\u00a0von &#8222;Brecht&amp;Co.&#8220; (John Fuegi)\u00a0fungierte. Und nat\u00fcrlich geh\u00f6ren auch Quellen dazu, aus denen sich ein Autor oder eine Autorin des 21. Jahrhunderts bedienen kann &#8211; und sogar muss.\u00a0Es gibt keinen Grund, solch ein Vorgehen in einer ansonsten arbeitsteilig organisierten kapitalistischen \u00d6konomie problematisch zu finden.\u00a0Der &#8222;Bestohlene Blogger&#8220; Airen sieht dies im genannten Interview in der FAZ klar. Auf die Frage, ob er sich als Opfer f\u00fchle, antwortet er zun\u00e4chst, dass Hegemann ihm nichts getan h\u00e4tte. Die Geschichte bleibe seine. Anders sieht es mit dem Kapital in der Aufmerksamkeits\u00f6konomie aus, da sei er wohl ein Opfer:<\/p>\n<blockquote><p><em>Was die Urheberrechtsverletzung angeht: ja. Helene Hegemann hat sich auf eine ungerechte Art und Weise bereichert, wie es viele Menschen jeden Tag tun, aber nicht auf meine Kosten.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Stehlen und bestohlen werden &#8211;\u00a0es gibt keinen Grund, die Literatur zur Ausnahme von der Regel zu stilisieren.\u00a0Es sei denn, der gesch\u00e4tzte Kritiker h\u00e4ngt der b\u00fcrgerlichen Ideologie an, dass die Literatur der von Geld und\u00a0Macht befreite Raum f\u00fcr den unverf\u00e4lschten Ausdruck eines einsamen, aus sich sch\u00f6pfenden Individuums sei.\u00a0Dazu <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub642140C3F55544DE8A27F0BD6A3C808C\/Doc~E03654DCBDA6D44F299AF3CCE34313DCD~ATpl~Ecommon~Sspezial.html\" target=\"_blank\">J\u00fcrgen Kaube<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><em>Doch eine von der Angst b\u00fcrgerlicher Bl\u00e4sse und des Altwirkens heimgesuchte Literaturkritik freut sich dann daran, dass das Leben die Hosen herunterl\u00e4sst, die den Kritikern selbst nicht mehr passen, man feiert das junge C\u00e9linchen als g\u00f6r\u00e8 fatale, obwohl sie selber eine Stubenhockerin ist, die B\u00fccher und Webseiten ausgewertet hat.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Spannend ist an dem Buch doch nicht, wer was dazu beigetragen hat, sondern ob es beim Leser\u00a0funktioniert und welche Debatten es ausl\u00f6st.\u00a0Alles andere ist Klatsch und Tratsch. Oder &#8222;Verlags-PR&#8220; (Maxim Biller).\u00a0Oder Verhandlungssache zwischen Justiziaren. Oder ein\u00a0gefundener Gegenstand f\u00fcr die Rezeptionsforschung mit Genderperspektive\u00a0&#8211; je nach Sichtweise.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0<\/p>\n<div id=\"tweetbutton1295\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fder-schrille-sound-des-feuilletons%2F&amp;text=Der%20schrille%20Sound%20des%20Feuilletons&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fder-schrille-sound-des-feuilletons%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Debatte um das Buch &#8222;Axolotl Roadkill&#8220; von Helene Hegemann\u00a0ist sehr vieles interessant &#8211;\u00a0bis auf das Buch selbst und die Autorin. 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