{"id":2385,"date":"2010-09-13T12:42:54","date_gmt":"2010-09-13T10:42:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=2385"},"modified":"2010-09-13T17:20:16","modified_gmt":"2010-09-13T15:20:16","slug":"medienkompetenz-und-jugendmedienschutz-ein-missverhaltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/medienkompetenz-und-jugendmedienschutz-ein-missverhaltnis\/","title":{"rendered":"Medienkompetenz und Jugendmedienschutz: Ein Missverh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Ebene der Europ\u00e4ischen Union wird die Vermittlung von Medienkompetenz als ein strategischer Gesichtspunkt und Standortfaktor betrachtet. Medienkompetenz sei in der digitalen Welt Voraussetzung f\u00fcr eine wettbewerbsf\u00e4hige Content-Industrie und f\u00fcr eine integrative Wissensgesellschaft, hei\u00dft es in einer <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/culture\/media\/literacy\/docs\/recom\/c_2009_6464_de.pdf\">Empfehlung<\/a> der Kommission von August 2009. Demnach m\u00fcssen die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger analytische F\u00e4higkeiten entwickeln, um Medien und Medieninhalte zu verstehen, kritisch zu bewerten sowie selbst in vielf\u00e4ltigen Kontexten zu kommunizieren. Laut Kommission ist ein besseres intellektuelles und emotionales Verst\u00e4ndnis der digitalen Medien gefordert, das zugleich \u00fcber die Chancen und Herausforderungen medial \u00fcbermittelter Informationen aufkl\u00e4rt und die aktive Teilhabe in Informations- und Kommunikationsnetzen erm\u00f6glicht.<!--more--><\/p>\n<p>Auch in Deutschland wird die Problematik zunehmend erkannt. Dennoch fehlt es weiterhin an einem umfassenden Konzept zur F\u00f6rderung von Medienkompetenz. Bund und L\u00e4nder bef\u00f6rdern fr\u00f6hlich Einzel- und Pilotprojekte. Letztere teils \u00fcber die Landesmedienanstalten, deren Budget sich nicht aus den L\u00e4nderhaushalten, sondern aus Anteilen an der Rundfunkgeb\u00fchr speist. Eine systematische Vermittlung von Medienkompetenz in Kinderg\u00e4rten, Horten und Schulen findet nicht statt. Von der von der EU-Kommission empfohlenen Aufnahme der Medienerziehung in die schulischen Pflichtlehrpl\u00e4ne ist Deutschland weit entfernt. Denn das kostete Geld, erheblich mehr Geld als bislang zur Verf\u00fcgung steht. Auch deshalb ist es kein Wunder, dass sich Teile der Politik, statt Aufkl\u00e4rung zu bef\u00f6rdern, immer wieder unter das Regiment des Jugendmedienschutzes stellen.<\/p>\n<p>Zu welchen Widerspr\u00fcchen das f\u00fchrt, mag das Beispiel der Games-Industrie verdeutlichen. Sie hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Die Computer- und Videospielbranche bildet das am st\u00e4rksten wachsende Segment der Medienwirtschaft in Deutschland. Sie macht heute mehr Umsatz als die Filmindustrie an den Kinokassen. Diese Umsatzzahlen allerdings erreicht sie in erheblichem Ma\u00dfe durch Entwicklung und Verkauf gewalthaltiger Spiele. Man muss solche Spiele nicht m\u00f6gen, um zu begreifen, dass es sich bei dieser Art von Unterhaltung durch Spiel l\u00e4ngst um eine massenmediale Erscheinung der Popul\u00e4r- und Alltagskultur handelt und Forderungen nach dem Verbot sogenannter \u201eKillerspiele\u201c in die Irre f\u00fchren. Im Falle von Online-Spielen, dem momentanen Expansionspfad der Games-Industrie, w\u00fcrde die Durchsetzung solcher Verbote zudem unweigerlich zu Internetsperren f\u00fchren \u2013 mit den bekannten Kollateralsch\u00e4den und der Folge, dass die universelle Netzinfrastruktur zu einer Kontrollinfrastruktur umgebaut w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Liste potentiell zu l\u00f6schender Inhalte aus Sicht eines repressiven Jugendmedienschutzes lang: Neben den erw\u00e4hnten Online-Games kommen \u2013 ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erheben \u2013 Hass- und Gewaltverherrlichung, Pornographie sowie Gangsta- und Porno-Rap, Nazipropaganda und Holocaust-Leugnung, religi\u00f6ser Extremismus und Fanatismus, entw\u00fcrdigende Darstellungen und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Cyber-Mobbing&amp;oldid=78632316\">Cyber-Mobbing<\/a> in Frage. All das ist im Netz und Web2.0 auffindbar, wenngleich nicht in einem Ausma\u00dfe, in dem es die oft anzutreffende mediale Skandalisierung zu beschreiben sucht. Jugendmedienschutz als Verbotsp\u00e4dagogik neigt dazu, die negativen Aspekte in der Mediennutzung Heranwachsender zu \u00fcberzeichnen und das Internet als einen Tummelplatz der Unmoral, einem Hort der Perversion und des best\u00e4ndigen Tabubruchs darzustellen. Der vermeintlich ethische Grundkonsens einer Gesellschaft, auf den sich ein repressiver Jugendmedienschutz zu berufen trachtet, ist eben auch immer interessengeleitete Auslegung.<\/p>\n<p>Die von den Ministerpr\u00e4sidenten der L\u00e4nder im Juni beschlossene Novellierung des Jugendmedienschutzstaatsvertrags ist Ausdruck dieses grundlegenden Missverh\u00e4ltnisses. Jugendmedienschutz \u00fcber Sendezeiten \u2013 analog zum Fernsehen \u2013 ist f\u00fcr das Internet absurd, selbst dann, wenn dadurch eine bereits bestehende Regelung fortgef\u00fchrt wird. Zudem lassen alternativ vorgesehene Alterskennzeichnungspflichten f\u00fcr Inhalte Netzsperren durch die Hintert\u00fcr erwarten. Insbesondere Angebote aus Blogs und Sozialen Netzwerken, die sich den irrsinnigen Kontrollverfahren aus der Welt des nationalen Rundfunks wissent- oder unwissentlich nicht unterziehen, verschw\u00e4nden k\u00fcnftig hinter Filterprogrammen. Nahezu das gesamte Web2.0 w\u00e4re potentiell jugendgef\u00e4hrdend. Eine Sperrinfrastruktur entst\u00e4nde mittelbar und nutzerautonom durch im Umgang mit digitalen Medien \u00fcberforderte Eltern. Ausschluss und Zensur, statt Partizipation und Kommunikation w\u00e4ren die nicht (?) beabsichtigten Folgen.<\/p>\n<p>Jugendmedienschutz als Verbotsp\u00e4dagogik ist das genaue Gegenteil zu Verstehen und kritischem Bewerten von Medieninhalten sowie einer aktiven Teilhabe in Informations- und Kommunikationsnetzen. Das Internetzeitalter hingegen erfordert konstruktive L\u00f6sungen im Umgang mit digitalen Medien. Kinder und Jugendliche m\u00fcssen lernen, mit virtuellen Welten umzugehen und Risiken abzusch\u00e4tzen. Die Bildung eines kritischen Verstandes und die F\u00e4higkeit, Realit\u00e4t und Vision zu unterscheiden, ist unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr eine moderne Medienbildung. Die Medienp\u00e4dagogik h\u00e4lt dazu brauchbare Konzepte bereit. Doch fehlt es in Schulen und Bildungseinrichtungen an Lehrmaterialien, ermangelt es Lehrerinnen und Lehrern an Sach- und Vermittlungskompetenz, sind die Missst\u00e4nde in der Lehreraus- und -fortbildung weiterhin gro\u00df und enthalten Rahmenlehrpl\u00e4ne blo\u00df pauschale, den Bedingungen von Web2.0 und digitaler Kommunikation nicht standhaltende Vorgaben.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass professionelle Medienp\u00e4dagogen die schulische Medienkompetenzf\u00f6rderung als desolat beschreiben und lediglich im Land Th\u00fcringen ein eigenes Schulfach Medienkunde besteht. F\u00f6rderung von Medienkompetenz ist mangels Bildungsinvestitionen zu einer Leerformel verkommen. Dennoch wird eine <em>digitale<\/em> Gesellschaft nicht umhin k\u00f6nnen, die F\u00f6rderung von Medienkompetenz als Bildungsaufgabe zu begreifen. Kinder und Jugendliche k\u00f6nnen lernen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, indem sie digitale Medien kritisch reflektieren und selbstbestimmt handelnd in ihr Lebensumfeld integrieren. Verbote helfen dazu nicht.<\/p>\n<p>Zur Umsetzung eines umfassenderen Konzepts von Medienkompetenz ist zuallererst die Infrastruktur und das Know-how in allen Schulen- und Bildungseinrichtungen bereitzustellen, Medienkompetenzf\u00f6rderung verpflichtend zu verankern, mit der F\u00f6rderung bereits in Horten und Kindertagesst\u00e4tten zu beginnen, Familien- und Elternbildung sowie den au\u00dferschulischen Bereich einzubeziehen sowie deren Vermittlung in die Ausbildungsinhalte von Erziehern, Lehrern und Sozialp\u00e4dagogen aufzunehmen. Auf diese Weise w\u00e4re Medienkompetenz gewisserma\u00dfen vorausschauender Jugendmedienschutz und machte den prohibitiven Jugendmedienschutz endg\u00fcltig \u00fcberfl\u00fcssig. Das allerdings bedeutete eine gesellschaftliche Bildungsaufgabe, nicht eine aus Gr\u00fcnden von Markt und Wettbewerb.<\/p>\n<div id=\"tweetbutton2385\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fmedienkompetenz-und-jugendmedienschutz-ein-missverhaltnis%2F&amp;text=Medienkompetenz%20und%20Jugendmedienschutz%3A%20Ein%20Missverh%C3%A4ltnis&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fmedienkompetenz-und-jugendmedienschutz-ein-missverhaltnis%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Ebene der Europ\u00e4ischen Union wird die Vermittlung von Medienkompetenz als ein strategischer Gesichtspunkt und Standortfaktor betrachtet. 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