{"id":2651,"date":"2010-10-24T16:28:56","date_gmt":"2010-10-24T14:28:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=2651"},"modified":"2010-10-28T13:34:00","modified_gmt":"2010-10-28T11:34:00","slug":"loschen-statt-sperren-bundesinnenministerium-hintertreibt-koalitionsvereinbarung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/loschen-statt-sperren-bundesinnenministerium-hintertreibt-koalitionsvereinbarung\/","title":{"rendered":"L\u00f6schen statt Sperren: Bundesinnenministerium hintertreibt Koalitionsvereinbarung"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/uploads\/Service_majart.jpg\" alt=\"null\" \/><\/p>\n<h6>Bild: &#8222;Service&#8220; von majart \u2013 www.augensound.de (CC\u2013BY-NC-ND)<\/h6>\n<p>Die Regierungsfraktionen aus CDU\/CSU und FDP haben im\u00a0<a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/koalitionsvertrag-vom-uneingelosten-freiheitsanspruch-des-internet\/\" target=\"_self\">Koalitionsvertrag<\/a> festgehalten, die im Zugangserschwerungsgesetz vorgesehenen Internetsperren zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen bis auf weiteres nicht anzuwenden und statt dessen zun\u00e4chst f\u00fcr ein Jahr den Grundsatz <em>L\u00f6schen statt Sperren<\/em> zu praktizieren. Die Vereinbarung folgte der Ma\u00dfgabe, dass es sinnvoller ist, kinderpornographische Inhalte auch im Internet am Ursprungsort zu entfernen, statt diese dort zu belassen und lediglich den Zugang mittels einer Sperrinfrastruktur zu erschweren.<\/p>\n<p>Entsprechend eingeleitete Benachrichtigungs- und L\u00f6schma\u00dfnahmen (Notice and Take-down) allerdings stie\u00dfen von Anfang in Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt (BKA) auf wenig \u2013 um nicht zu sagen: keine \u2013 Gegenliebe.<!--more-->\u00a0Nach j\u00fcngsten Interview\u00e4u\u00dferungen von Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re und BKA-Pr\u00e4sident J\u00f6rg Ziercke durfte sogar gemutma\u00dft werden, dass von dieser Seite Erfolgsbestrebungen willentlich hintertrieben w\u00fcrden. Die Beantwortung einer Kleinen Anfrage von Petra Sitte und der Bundestagsfraktion DIE LINKE zum \u201eSachstand \u201aL\u00f6schen statt Sperren\u2019\u201c (<a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/031\/1703164.pdf\" target=\"_blank\">Drs. 17\/3164<\/a>) durch die Bundesregierung zeigt nun, dass solche Mutma\u00dfungen keineswegs unbegr\u00fcndet waren \u2013 im Gegenteil, die im Bundesinnenministerium erstellten Antworten (hier in einer <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/uploads\/Antwort-Loeschen-statt-Sperren.pdf\" target=\"_blank\">Vorabversion<\/a>) verweisen durchg\u00e4ngig auf eine strategische Mogelpackung in der Bek\u00e4mpfung kinderpornographischer Inhalte.<\/p>\n<p>Bereits die Aussage, im BKA-Referat Auswertung \u2013 Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen mit einem Personalbestand in H\u00f6he von 23,3 Vollzeit\u00e4quivalenten (davon 6,3 f\u00fcr den Arbeitsschwerpunkt <em>L\u00f6schen statt Sperren<\/em>) seien die dort eingesetzten Beamten \u201eausschlie\u00dflich mit der Bek\u00e4mpfung von kinder- und jugendpornografischen Inhalten im Internet\u201c befa\u00dft, erscheint wenig glaubhaft \u2013 so als z\u00e4hlten zu den Referatsaufgaben nicht auch die Bek\u00e4mpfung von Distributionswegen via Mobiltelefonie und klassischem Postversand sowie die Bek\u00e4mpfung von Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen generell, unabh\u00e4ngig von deren Darstellung.<\/p>\n<p>Ebenso unglaubw\u00fcrdig ist die Behauptung, die Anzahl der durch das BKA selbstt\u00e4tig ermittelten Webseiten mit kinderpornografischen Inhalten werde \u201enicht separat erhoben\u201c. Noch im Juli des Jahres hatte das BKA in einer vom AK Zensur ver\u00f6ffentlichten <a href=\"http:\/\/ak-zensur.de\/2010\/08\/27\/bka-praesentation--wir-wollen-sperren.pdf\" target=\"_blank\">Pr\u00e4sentation<\/a> vor den Regierungsfraktionen eine Aufschl\u00fcsselung nach eingegangenen Hinweisen auf inkriminierte Webseiten vorgelegt: Diesbez\u00fcglich gehen 14 % aus B\u00fcrgerhinweisen direkt an das BKA, stammen 22 % von in- und ausl\u00e4ndischen Polizeidienststellen, 63 % von Hotlines und Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) sowie 1 % von Interpol\/CIRCAMP \u2013 zusammen demnach 100 %.<\/p>\n<p>Wird nun behauptet, das BKA erhebe keine Zahlen \u00fcber selbstt\u00e4tige Ermittlungen, hei\u00dft das im Umkehrschlu\u00df, dass solche auch nicht in der Rubrik Hinweise von in- und ausl\u00e4ndischen Polizeidienststellen eingegangen sein k\u00f6nnen. Oder anders gesagt: Vom BKA selbst werden und wurden ganz offensichtlich keinerlei Webseiten mit kinderpornografischen Inhalten selbstt\u00e4tig ermittelt \u2013 ein ziemliches Armutszeugnis f\u00fcr die Beh\u00f6rde und das aufsichtf\u00fchrende Innenministerium, die lauthals vorgeben, ohne Internetsperren Kinderpornographie im Netz nicht nachhaltig bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch ein Blick auf die vom BKA im Zeitraum von Januar bis September 2010 gewonnenen empirischen Befunde sowie damit zusammenh\u00e4ngende Fragen weist auf erhebliche Missst\u00e4nde in der unmittelbaren Umsetzung von Benachrichtigungs- und L\u00f6schma\u00dfnahmen hin. W\u00e4hrend der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco am 01.09.2010 <a href=\"http:\/\/www.eco.de\/verband\/202_8168.htm\" target=\"_blank\">mitteilte<\/a>, \u00fcber die von den Selbstregulierungskr\u00e4ften der Wirtschaft betriebenen Internetbeschwerdestellen seien im ersten Halbjahr 2010 98 % der gemeldeten, auf in- und ausl\u00e4ndischen Servern gehosteten kinderpornographischen Inhalte innerhalb einer Woche mittels Notice and Take-down vom Netz genommen worden, ist die Beh\u00f6rde von diesen Zahlen weit entfernt. Das Bundesinnenministerium benennt f\u00fcr das BKA folgende Zahlen:<\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Monat<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gesamt<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nach einer Woche noch verf\u00fcgbar<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 Januar<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0104<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a014 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 Februar<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 180<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a051 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 M\u00e4rz<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 159<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a071 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 April<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 145<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a042 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 Mai<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 155<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a033 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 Juni<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 182<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a065 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 Juli<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 262<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a037 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 August<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a099<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a014 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\u00a0 September<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0121<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a054 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"132\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Gesamt<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"144\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a01407<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"240\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a044 %<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ausgewiesen sind die Anzahl der Mitteilungen ins Ausland sowie die Anzahl von ausl\u00e4ndischen Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten in Prozent, die auch nach einer Woche noch verf\u00fcgbar waren. Der Wert von 44 % f\u00fcr den Gesamtzeitraum allerdings ist irref\u00fchrend, da Angaben zur Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber den Zeitraum von einer Woche hinaus \u201edurch das BKA im Rahmen der Evaluierung nicht erhoben\u201c werden. Statistisch besehen d\u00fcrften demnach ebenfalls nicht Verf\u00fcgbarkeiten nach einer Woche zu Prozentangaben auf Monatsbasis addiert werden, ist doch nicht auszuschliessen, dass inkriminierte Seiten nach zwei, drei oder vier Wochen vom Netz genommen wurden, und damit immer noch erheblich schneller, als das vor Notice and Take-down der Fall war.<\/p>\n<p>Durch die Festlegung des \u00dcberpr\u00fcfungsintervalls auf eine Woche \u2013 sie erfolgte laut einer <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/uploads\/Stellungnahme-BKA.pdf\" target=\"_blank\">Stellungnahme<\/a> des BKA gegen\u00fcber dem Unteraussschuss Neue Medien des Deutschen Bundestages \u201eim Einvernehmen mit dem Bundesministerium des Innern\u201c \u2013 wird die Datenbasis f\u00fcr die nach dem Koalitionsvertrag vereinbarte Evaluierung nach einem Jahr, somit f\u00fcr die Bewertung von Erfolg und Wirksamkeit des verfolgten Grundsatzes <em>L\u00f6schen statt Sperren<\/em>, ma\u00dfgeblich vorstrukturiert. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen nur solche Daten evaluiert werden, die zuvor auch erhoben wurden. Da verwundert es kaum mehr, dass laut Bundesinnenministerium eine vergleichende Bewertung der Mitteilungen des Branchenverbandes eco und der statistischen Erhebung des BKA \u201emangels Vergleichbarkeit der jeweiligen Statistikdaten nicht erfolgen\u201c kann.<\/p>\n<p>Die erfragte weitergehende Aufschl\u00fcsselung nach Server-Standorten und Verf\u00fcgbarkeiten nach Herkunftsland \u00fcbrigens wurde vom Bundesinnenministerium abgewiesen. Solche Angaben seien \u201enoch nicht verl\u00e4sslich und belastbar m\u00f6glich, da diese Parameter stark variieren\u201c, hei\u00dft es in der Antwort aus dem Hause Thomas de Maizi\u00e8re. Das muss wohl unter der Rubrik Desinformationspolitik verbucht werden, waren solche Zahlen doch bereits in der Sitzung des Unterausschusses Neue Medien vom 08.07.2010 durch den Parlamentarischen Staatssekret\u00e4r im Bundesjustizministerium, Dr. Max Stadler, pr\u00e4sentiert worden sowie der obengenannten BKA-Pr\u00e4sentation zu entnehmen. Auch hat das BKA jetzt, wenige Tage vor einer \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rung im Bundestag eine <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/uploads\/BKA_Statistik.gif\" target=\"_blank\">\u201eEvaluationsstatistik\u201c<\/a> vorgelegt, in der eben genau jene Angaben erhoben und benannt werden.<\/p>\n<p>Letzterer ist das bereits bekannte Faktum zu entnehmen, dass einschl\u00e4gige Server nicht in Staaten mit geringer Kontrollintensit\u00e4t und fehlender Gesetzgebung gegen Kinderpornographie stehen \u2013 wie die Bundesregierung noch in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion (<a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/16\/133\/1613347.pdf\" target=\"_blank\">Drs. 16\/13347<\/a>) im Juni 2009 verlautbarte \u2013, sondern in Staaten mit einschl\u00e4giger Gesetzgebung und Kontrollintensit\u00e4t. Sprich: in den USA, der Russischen F\u00f6deration, Kanada, Ukraine sowie in den EU-Mitgliedstaaten Niederlande, Gro\u00dfbritannien, Schweden und Zypern.<\/p>\n<p>Zu allen diesen Staaten wurde nachgefragt, welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Benachrichtigungs- und L\u00f6schma\u00dfnahmen durch das BKA konkret bestehen und welche Ma\u00dfnahmen zu einem verbesserten grenz\u00fcbergreifenden Vorgehen gegen Kinderpornographie von der Bundesregierung ergriffen wurden oder geplant sind. Die Antworten sind entlarvend inhaltslos: In nahezu allen F\u00e4llen geschah bislang nichts. Erst nach Abschluss der Evaluierung sollen \u201edie Ergebnisse im Hinblick auf spezifische Probleme in einzelnen Staaten ausgewertet werden\u201c. Geplant sind allenfalls \u201eDienstreisen bzw. Kontaktaufnahmen\u201c, auf deren Basis \u201ef\u00fcr eine noch intensivere Zusammenarbeit bei der Bek\u00e4mpfung der Kinderpornographie im Internet geworben werden\u201c soll.<\/p>\n<p>Lediglich in den USA wurden Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Allerdings mit mageren Ergebnissen: Laut Antwort der Bundesregierung warb Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re vor US-Regierungsvertretern f\u00fcr eine Verbesserung der Zusammenarbeit und vereinbarte BKA-Pr\u00e4sident J\u00f6rg Ziercke mit der zentralen US-Internetbeschwerdestelle <em>National Center for Missing &amp; Exploited Children<\/em> (NCMEC), \u201edass dem BKA durch das NCMEC dortige Erkenntnisse zu im Ausland gehosteten kinderpornografischen Internetseiten zur Verf\u00fcgung gestellt werden\u201c. Ma\u00dfnahmen zur Beschleunigung von Notice and Take-down sind das wohl kaum.<\/p>\n<p>Zugleich wird im Falle der USA vom Bundesinnenministerium auf die hohe Anzahl von eingehenden Hinweisen auf Kinder- bzw. Jugendpornographie im Internet (ca. 120.000 pro Jahr) sowie auf die gro\u00dfe Zahl von dort t\u00e4tigen Internet-Providern (ca. 15.000) verwiesen. Insbesondere letzteres f\u00fchre dazu, dass \u201edie Ermittlung des und die Kontaktaufnahme mit dem jeweils verantwortlichen Provider [\u2026] im Einzelfall Zeit in Anspruch nehmen\u201c k\u00f6nne. Warum entsprechende US-Provider, die gehostete kinderpornographische Inhalte noch eine Woche nach Versendung einer Benachrichtigung an NCMEC verf\u00fcgbar halten, nicht von Deutschland aus unmittelbar zu benachrichtigen sind, bel\u00e4sst das Ministerium im Dunkeln. Unter Zugrundelegung der BKA-Statistik handelte es sich im Monat August um 18 F\u00e4lle (18 % von 99), im Monat September um 34 oder 35 F\u00e4lle (42 % von 121).<\/p>\n<p>Dass in diesem Zusammenhang das <em>Uniform Resource Locator (URL) Project<\/em> von NCMEC keine Erw\u00e4hnung findet, hat durchaus Methode. Dieses kommt den aktuellen Sperrbestrebungen von Bundesinnenministerium und BKA bereits jetzt recht nahe. Bei der US-Internetbeschwerdestelle gemeldete kinderpornographische Inhalte werden, sofern sie nach einer Woche immer noch auf Servern entsprechender Provider verf\u00fcgbar sind, automatisch auf eine URL-Liste gesetzt. Diese Liste wird t\u00e4glich aktualisiert, die Inhalte zugleich von den als Projektpartnern (siehe die Mitteilungen des Produzenten von Internet-Sicherheitstechnologien <a href=\"http:\/\/apac.trendmicro.com\/apac\/about\/news\/pr\/article\/20100421112333.html\" target=\"_blank\">Trend Micro<\/a> sowie des Verbands der US-amerikanischen Kabelnetzbetreiber <a href=\"http:\/\/www.multichannel.com\/article\/133987-NCTA_Members_Take_Stand_Against_Child_Porn.php\">NCTA<\/a>) vertraglich beteiligten Service Providern mittels Access-Sperren blockiert.<\/p>\n<p>NCMEC betreibt mit dem 2007 ins Leben gerufenen <em>URL Project<\/em> nichts anderes als eine <em>outgesourcte<\/em>, halbstaatliche Variante der deutschen Sperrbestrebungen. Dem Projekt haben sich 67 US-Provider sowie 6 internationale Strafverfolgungsbeh\u00f6rden angeschlossen, erstgenannte erreichen in den USA eine Marktabdeckung von 74 % (Stand: April 2010). Die \u00fcberwiegend aus staatlichen Mitteln finanzierte US-Organisation hat demzufolge ein starkes Interesse an einer Ausweitung der von ihr initiierten Sperrinfrastruktur. Zudem ist NCMEC in den USA selbst umstritten. Nicht wenige der zahlreichen US-Provider d\u00fcrften sich schon deshalb einer Zusammenarbeit entgegenstellen, da NCMEC eine vollst\u00e4ndige \u00dcberwachung des Netzverkehrs basierend auf Deep Packet Inspection propagiert und immer st\u00e4rker in die Rolle einer <em>inoffiziellen Internet-Regulierungsbeh\u00f6rde<\/em> dr\u00e4ngt. (Siehe hierzu: <em><a href=\"http:\/\/www.msnbc.msn.com\/id\/27198621\/\" target=\"_blank\">ISPs are pressed to become child porn cops<\/a><\/em> und <em><a href=\"http:\/\/news.cnet.com\/8301-13739_3-10118923-46.html\" target=\"_blank\">It&#8217;s time for a child porn czar<\/a><\/em>.)<\/p>\n<p>Das US-amerikanische Law Enforcement Policy-Modell auf vertraglicher Basis selbst bildet lediglich eine spezifische Variante \u00e4lterer, insbesondere in den skandinavischen L\u00e4ndern sowie in Gro\u00dfbritannien und Australien praktizierter Vertragsmodelle. Dennoch stand es auch Pate f\u00fcr die in Deutschland im letzten Jahr zun\u00e4chst zwischen BKA und Providern geschlossenen Sperrvertr\u00e4ge. Vor Schaffung einer gesetzlichen Grundlage auf Basis des Zugangserschwerungsgesetzes hatte man seinerzeit die Praxis eines mehr oder minder <em>sanften Zwangs<\/em> \u00fcbernommen. Nach dem US-Vorbild wurden auch hierzulande vermeintlich nicht kooperationswillige Provider \u00f6ffentlich benannt und als Verweigerer im Kampf gegen Kinderpornographie blo\u00dfgestellt. Auch der viel beschworene, nie nachgewiesene \u201eMassenmarkt\u201c f\u00fcr Kinderpornographie im Internet war keine genuin deutsche Erfindung: Ursula von der Leyens Rede von einem \u201eMillionengesch\u00e4ft\u201c (Deutscher Bundestag, Stenografischer Bericht, <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btp\/16\/16214.pdf\" target=\"_blank\">214. Sitzung<\/a>, 26.03.2009, S. 63) ging die NCMEC-Behauptung von einem \u201eMultimilliarden Dollar-Gesch\u00e4ft\u201c (<a href=\"http:\/\/www.missingkids.com\/en_US\/publications\/NC171.pdf\" target=\"_blank\">2008 Annual Report<\/a>, S. 07) voraus.<\/p>\n<p>Mit CIRCAMP drohen Internetsperren auf vertraglicher Basis nun via Europa nach Deutschland zur\u00fcckzukehren. CIRCAMP steht dabei f\u00fcr <em>COSPOL Internet Related Child Abuse Material Project<\/em>, wobei COSPOL die von der<em> Task Force der Europ\u00e4ischen Polizeichefs<\/em> betriebene strategische Operationsplanung <em>Comprehensive, Operational, Strategic Planning for the Police<\/em> bezeichnet. \u00dcber das von Europol und Interpol unterst\u00fctzte CIRCAMP-Netzwerk wird gegenw\u00e4rtig die Einf\u00fchrung des Filtersystems <em>Child Sexual Abuse Anti Distribution Filter<\/em> (CSAADF) auf europ\u00e4ischer Ebene vorangetrieben. CIRCAMP sieht nichts anderes als die schon bekannten Access-Sperren mittels Stoppschildern, umgesetzt \u00fcber Kooperationsvereinbarungen mit Service Providern, vor.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/circamp.eu\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=11:circamp-overview&amp;catid=1:project&amp;I\" target=\"_blank\">Projekt-Beschreibung<\/a> zu CIRCAMP liest sich in weiten Teilen wie eine erneute Blaupause des in den USA und anderen L\u00e4ndern beschrittenen Weges zum Aufbau einer Sperrinfrastruktur. Da verwundert es nicht, dass das Bundesinnenministerium lapidar und knapp mitteilt: \u201eDas BKA ist seit August 2009 Mitglied im COSPOL-Projekt &#8222;CIRCAMP&#8220;.\u201c Auch soll sich, so wird aus Insiderkreisen kolportiert, als erster Provider Vodafone f\u00fcr eine europ\u00e4ische Projektmitarbeit ausgesprochen haben \u2013 ganz wie seinerzeit in Deutschland auf Basis eines dann freiwilligen Vertrages.<\/p>\n<p>Als Fazit bleibt: Bundesinnenministerium und BKA fordern weiterhin vehement die Errichtung einer Sperrinfrastruktur auch in Deutschland. Nach der zumindest zeitweiligen politischen Niederlage infolge der Aussetzung des Zugangserschwerungsgesetzes haben sie lediglich ihre Strategie ge\u00e4ndert. Da <em>L\u00f6schen statt Sperren<\/em> nicht funktioniere, m\u00fcsse beides her, so das Credo sowohl von Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re als auch von BKA-Pr\u00e4sident J\u00f6rg Ziercke. Entsprechend lautet ihre Forderung nun: <em>L\u00f6schen und Sperren<\/em>. Der Kampf gegen Kinderpornographie dient in diesem Spiel als Stellvertreter zum Aufbau von staatlichen Sicherheits- und Kontrollbefugnissen im Netz \u2013 der Errichtung einer Internet-Kontrollinstanz.<\/p>\n<p>Am morgigen Montag (25.10.2010) nun geht die Auseinandersetzung in eine n\u00e4chste Runde. Ein \u00d6ffentliches Gespr\u00e4ch mit Sachverst\u00e4ndigen zum Thema \u201eKampf gegen die Darstellung von Kindesmissbrauch im Internet: technische und organisatorische Fragen\u201c findet ab 12.30 Uhr im Unterausschuss Neue Medien (<a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse17\/a22\/a22_neue_medien\/oeffentliche_Sitzungen\/darstellung_kindesmissbrauch\/to.pdf\" target=\"_blank\">Tagesordnung<\/a>) statt. Es wird per Livestream \u00fcber das Webangebot des Deutschen Bundestages \u00fcbertragen. Der (federf\u00fchrende) Rechtsausschuss befa\u00dft sich mit der Thematik ebenfalls in Form einer <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse17\/a06\/anhoerungen\/02_Kinderpornographie\/index.html\" target=\"_blank\">Anh\u00f6rung<\/a> am 10.11.2010, 14.00 Uhr.<\/p>\n<p>Beides ist Resultat der seit Monaten von den Koalitionsfraktionen verfolgten Hinhaltetaktik \u2013 des Entschlusses, die von allen drei Oppositionsfraktionen vorgelegten Gesetzentw\u00fcrfe zur Aufhebung des Zugangserschwerungsgesetzes nicht zu behandeln (wir <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/loschen-statt-sperren-zum-stand-der-regierungsaktivitaten\/\" target=\"_self\">berichteten<\/a>). In beiden Veranstaltungen werden Bundesinnenministerium und BKA keine Ausk\u00fcnfte \u00fcber ihre wahren Motive erteilen. Dass ein wirksamer Schutz gegen Kindesmissbrauch und seine Darstellung nur dann zu erreichen sein wird, wenn die T\u00e4ter ermittelt und zuk\u00fcnftige Missbrauchsf\u00e4lle verhindert werden, wird von dieser Seite nicht thematisiert werden.<\/p>\n<div id=\"tweetbutton2651\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Floschen-statt-sperren-bundesinnenministerium-hintertreibt-koalitionsvereinbarung%2F&amp;text=L%C3%B6schen%20statt%20Sperren%3A%20Bundesinnenministerium%20hintertreibt%20Koalitionsvereinbarung&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Floschen-statt-sperren-bundesinnenministerium-hintertreibt-koalitionsvereinbarung%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: &#8222;Service&#8220; von majart \u2013 www.augensound.de (CC\u2013BY-NC-ND) Die Regierungsfraktionen aus CDU\/CSU und FDP haben im\u00a0Koalitionsvertrag festgehalten, die im Zugangserschwerungsgesetz vorgesehenen Internetsperren zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen bis auf weiteres nicht anzuwenden und statt dessen zun\u00e4chst f\u00fcr ein Jahr den Grundsatz L\u00f6schen statt Sperren zu praktizieren. 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