{"id":5014,"date":"2012-05-11T15:51:46","date_gmt":"2012-05-11T14:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=5014"},"modified":"2012-05-12T08:40:40","modified_gmt":"2012-05-12T07:40:40","slug":"im-schutzengraben-der-urheberrechtsdebatte-eine-analyse-des-aufrufs-wir-sind-die-urheber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/im-schutzengraben-der-urheberrechtsdebatte-eine-analyse-des-aufrufs-wir-sind-die-urheber\/","title":{"rendered":"Im Sch\u00fctzengraben der Urheberrechtsdebatte &#8211; eine Analyse des Aufrufs &#8222;Wir sind die Urheber&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der\u00a0Kampf um die ideologische Hegemonie in der Urheberrechtsdebatte geht in die n\u00e4chste Runde.<\/p>\n<p>Der Brief der Tatort-Autor_innen etwa wurde auch <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/linke-antwortet-auf-den-brief-der-tatort-autoren-zum-urheberrecht\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0von LINKS\u00a0beantwortet. Nachdem die 100-K\u00f6pfe-Kampagne des Handelsblattes unter anderem deswegen schief ging, weil mindestens so viele Nichturheber wie Urheber dazu z\u00e4hlten, finden sich nun mehrere neue Initiativen gegen die vermeintliche &#8222;Kostenloskultur des Internets&#8220;. Bei der Linksfraktion ging ein Brief einer Journalistin ein, die das LINKE <a href=\"http:\/\/www.petra-sitte.de\/start\/aktuelles\/detail\/zurueck\/aktuelles-20\/artikel\/10-punkte-zum-urheberrecht-in-der-digitalen-welt\/\" target=\"_blank\">10-Punkte-Papier <\/a>zum Thema &#8222;Urheberrecht in der digitalen Welt&#8220;\u00a0scharf kritisierte. Die Mail, in der die Autorin um Nichtver\u00f6ffentlichung bat, erschien etwa zeitgleich auf dem <a href=\"http:\/\/frei.djv-online.de\/kritik-einer-freien-journalistin-an-den-positionen-der-linken-zum-urheberrecht\/\" target=\"_blank\">Blog des Deutschen Journalistenverbandes<\/a>, gek\u00fcrzt um die Bitte der Nichtver\u00f6ffentlichung. Die Antwort der angeschriebenen Abgeordneten ist dort inzwischen ebenfalls zu lesen.<\/p>\n<p>Die Kampagne <a href=\"http:\/\/www.das-syndikat.com\/ja-zum-urheberrecht-hemd-ab-for-yor-rights\/\" target=\"_blank\">Ja zum Urheberrecht\u00a0<\/a>\u00a0machte mit Plakatmotiven von sich reden, die die Sympathiewerte f\u00fcr die Krimiautoren wohl nur begrenzt steigerten.<\/p>\n<p>Am meisten Furore macht derzeit sicher die Kampagne <a href=\"http:\/\/www.wir-sind-die-urheber.de\/\" target=\"_blank\">wie-sind-die-urheber.de <\/a>Unter den 100 Erstunterzeichner_innen finden sich fast ausnahmslos Buchautorinnen und -autoren. Organisiert wurde das Ganze vom Literaturagenten <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wir-sind-die-literaturagentur\/\" target=\"_blank\">Matthias Landwehr<\/a>. Mittlerweile haben mehr als 1500 Personen unterschrieben. Einige, die angesprochen wurden, haben auch nicht unterschrieben und <a href=\"http:\/\/cronenburg.blogspot.fr\/2012\/05\/wir-sind-ohne-mich.html\" target=\"_blank\">begr\u00fcnden dies \u00f6ffentlich<\/a>. Andere starten erfolgreiche Gegenkampagnen wie <a href=\"https:\/\/docs.google.com\/document\/d\/1HeB2yC1_gty568VhGUxixvHuJj9PX9Raa8iLZ4-yYQM\/edit?pli=1#\" target=\"_blank\">diese<\/a> oder <a href=\"http:\/\/wir-sind-die-buerger.de\/\" target=\"_blank\">diese<\/a>. Vor der dennoch beeindruckenden Liste der Unterzeichnenden steht ein \u00e4u\u00dferst d\u00fcrftiger Aufruf, der\u00a0an dieser Stelle\u00a0\u00fcber <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/kuenstler-schreiben-offenen-brief-fuer-das-urheberrecht-a-832624.html\" target=\"_blank\">diesen Artikel <\/a>von Christian St\u00f6cker hinaus, kommentiert werden soll:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p><em>Mit Sorge und Unverst\u00e4ndnis verfolgen wir als Autoren und K\u00fcnstler die \u00f6ffentlichen Angriffe gegen das Urheberrecht. <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist unverst\u00e4ndlich, was sie Autor_innen damit meinen. Niemand greift das Urheberrecht in seiner G\u00e4nze an. Auch der Zeitpunkt des Vorsto\u00dfes \u00fcberrascht und kann eigentlich nur im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Piraten gedacht werden. Doch auch diese wollen das Urheberrecht nicht abschaffen, wie <a href=\"http:\/\/wiki.piratenpartei.de\/Parteiprogramm#Urheberrecht_und_nicht-kommerzielle_Vervielf.C3.A4ltigung\" target=\"_blank\">hier<\/a> nachzulesen ist. Entweder geht es hier vor allem um eine gef\u00fchlte Gefahr f\u00fcr das Urheberrecht &#8211; oder die Kampagne entstand tats\u00e4chlich im Interesse des organisierenden Literaturagenten.<\/p>\n<blockquote><p><em>Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft b\u00fcrgerlicher Freiheit gegen feudale Abh\u00e4ngigkeit, und es garantiert die materielle Basis f\u00fcr individuelles geistiges Schaffen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Unbestritten sind Urheberrechte eine historische Errungenschaft. Daher will sie ja auch niemand abschaffen. Die feudale Abh\u00e4ngigkeit ist aber seit\u00a0Jahrhunderten beendet und weicht neuen Abh\u00e4ngigkeiten. Dazu sagen die geh\u00e4tschelten Stars der Buchszene wenig, viele andere Kreative, etwa die bei <a href=\"http:\/\/www.freischreiber.de\/\" target=\"_blank\">Freischreiber<\/a> oder der <a href=\"http:\/\/dju.verdi.de\/freie_journalisten\/verlags-agb\" target=\"_blank\">dju<\/a> Organisierten hingegen schon. Auch das gerade durch das Internet bef\u00f6rderte nichtprofessionelle geistige Schaffen ist offensichtlich nicht im Fokus der Apellierenden. <del>Marcel <\/del>Simon\u00a0Weiss macht sich dar\u00fcber <a href=\"http:\/\/simonweiss.cc\/2012\/05\/das-urheberrecht-ist-keine-soziale-einrichtung\/\">hier<\/a> berechtigte Gedanken und fragt, warum ausgerechnet das Urheberrecht f\u00fcr die soziale Lage der Profiurheber herhalten soll.<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0<em>Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und \u201eVerwertern\u201c entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealit\u00e4t. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben K\u00fcnstler die Vermarktung ihrer Werke in die H\u00e4nde von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestm\u00f6glich vertreten und verteidigen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>\u00a0<\/em>Auch hier: kein Wort zu den <a href=\"http:\/\/carta.info\/27625\/angemessene-verguetung-was-der-gesetzgeber-fuer-die-urheber-getan-hat-und-was-er-noch-tun-koennte\/\" target=\"_blank\">Problemen<\/a>, die viele Autorinnen und Autoren mit ihren Verlagen haben. Im Gegenteil werden Interessengegens\u00e4tze negiert, was noch einmal den Verdacht aufwirft, dass der Aufruf wohl kaum von Urheberinnen und Urhebern selbst verfasst wurde.<\/p>\n<blockquote><p><em>Die neuen Realit\u00e4ten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Begriff\u00a0&#8222;Diebstahl Geistigen Eigentums&#8220;\u00a0 macht das ganze Dilemma der Debatte deutlich. Das &#8222;Geistige Eigentum&#8220; ist f\u00fcr viele K\u00fcnstler_innen ein Synonym ihrer Lebensleistung. Die <a href=\"http:\/\/www.internet-law.de\/2012\/03\/mussen-wir-uns-vom-konzept-des-geistigen-eigentums-verabschieden.html\" target=\"_blank\">Doppeldeutigkeit und Problematik dieses Begriffes<\/a>, erst recht, wenn man jemanden den Diebstahl vorwirft, ist den meisten nicht bewusst. Sie sollte ihnen jedoch bewusst sein, denn sie verdienen nicht nur Geld mit ihren Werken, sondern beteiligen sich <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/georg-diez-zur-urheberrechtsdebatte-und-wir-sind-die-urheber-a-832665.html\" target=\"_blank\">auch an \u00d6ffentlichkeit <\/a>und gehen mit Sprache um. Abgesehen davon rechtfertigt niemand illegale Downloads, sondern man stellt fest, dass es sie gibt &#8211; <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/die-logik-der-deutschen-musikindustrie\/\" target=\"_blank\">mit stark abnehmender Tendenz<\/a>.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/konferenz-kreatives-schaffen-konstruktiver-dialog-zwischen-urhebern-und-nutzern\/\" target=\"_blank\">Debatte wird darum <\/a>gef\u00fchrt, wie im Netz mit Kulturg\u00fctern so umgegangen wird, dass eine Win-win-Situation f\u00fcr Nutzende und K\u00fcnstler_innen entsteht. Denn die Technologie bietet nun einmal Vervielf\u00e4ltigung zu Grenzkosten gegen\u00a00.\u00a0Es w\u00e4re eine normaler Vorgang, diesen\u00a0Fortschritt auch im Sinne von mehr Verbreitung und &#8211; ja &#8211; auch mehr Wettbewerb im Verwerterbereich zu nutzen. Stattdessen k\u00e4mpfen\u00a0Medienunternehmen\u00a0und Verlage\u00a0darum, dass der Staat die alten Gesch\u00e4ftsmodelle mittels Digital Rights\u00a0Management, Internet\u00fcberwachung,\u00a0Strafrecht und Three-Strikes durchsetzt.\u00a0\u00a0Den Aufrufern muss unterstellt werden, dass ihnen diese Mittel zur Durchsetzung von Vewerterrechten im Internet nicht nur egal sind, sondern\u00a0sie diese Strategie\u00a0ihrer &#8222;Interessenvertreter&#8220;\u00a0offen unterst\u00fctzen. Dann sollen sie es aber auch sagen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Im Gegenteil: Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu st\u00e4rken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Vorschl\u00e4ge bitte konkret auf den Tisch. Sonst ist keine rationale Debatte m\u00f6glich. Bezeichnenderweise\u00a0ist von niemandem der 100 ErstunterzeichnerInnen eine konkrete\u00a0Idee zur Urheberrechtsreform bekannt geworden. Es geht anscheinend dem Aufruf\u00a0vor allem darum, eine ideologische Hegemonie zu erreichen. Dies ist bereits aus anderen <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Offener-Brief-Bundeskanzlerin-soll-Kuenstlerrechte-schuetzen-202865.html\" target=\"_blank\">Kampagnen \u00e4hnlicher Art <\/a>bekannt.<\/p>\n<blockquote><p><em>Das Urheberrecht erm\u00f6glicht, dass wir K\u00fcnstler und Autoren von unserer Arbeit leben k\u00f6nnen und sch\u00fctzt uns alle, auch vor global agierenden Internetkonzernen, deren Gesch\u00e4ftsmodell die Entrechtung von K\u00fcnstlern und Autoren in Kauf nimmt. Die allt\u00e4gliche Pr\u00e4senz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung f\u00fcr Gier oder Geiz.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gier und Geiz sind wohl demnach die Triebkr\u00e4fte der Internetkommunikation. Kein Wort dar\u00fcber,\u00a0dass die Leute bereit sind, f\u00fcr kreative Leistungen gutes Geld zu zahlen. Wenn diese schnell, unkompliziert, digital und zu angemessenen Preisen zu haben sind.\u00a0Wie w\u00e4re es, wenn sich die Urheberinnen und Urheber mal mit ihren Verlagen und Musikunternehmen zusammensetzen und fragen, warum eigentlich das\u00a0Gesch\u00e4ft mit Ebooks und\u00a0Onlinemusikdiensten- und Videotheken hierzulande viel schlechter l\u00e4uft als in\u00a0anderen L\u00e4ndern? K\u00f6nnte es sein, dass dabei Gier und Geiz eine gewisse Rolle spielen?<\/p>\n<p>Man kann die Unterzeichnenden nur bitten, aus ihrem Sch\u00fctzengraben zu\u00a0kommen und mit der Politik, der Gesellschaft, ihren Leserinnen und Lesern in einen Dialog \u00fcber die Zukunft kulturellen Austausches zu treten.\u00a0Politik ist im besten Fall transparente, wertegeleitete Interessenabw\u00e4gung\u00a0im partizipativen Verfahren\u00a0&#8211; auch im Falle Urheberrecht. Aufrufe von derart minderwertiger\u00a0Qualit\u00e4t, die nicht auf Antwort warten, sondern drohen, helfen dabei gewiss nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"tweetbutton5014\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fim-schutzengraben-der-urheberrechtsdebatte-eine-analyse-des-aufrufs-wir-sind-die-urheber%2F&amp;text=Im%20Sch%C3%BCtzengraben%20der%20Urheberrechtsdebatte%20%26%238211%3B%20eine%20Analyse%20des%20Aufrufs%20%26%238222%3BWir%20sind%20die%20Urheber%26%238220%3B&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fim-schutzengraben-der-urheberrechtsdebatte-eine-analyse-des-aufrufs-wir-sind-die-urheber%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der\u00a0Kampf um die ideologische Hegemonie in der Urheberrechtsdebatte geht in die n\u00e4chste Runde. 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