{"id":5351,"date":"2012-07-10T18:39:11","date_gmt":"2012-07-10T17:39:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=5351"},"modified":"2012-07-10T18:39:11","modified_gmt":"2012-07-10T17:39:11","slug":"ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht\/","title":{"rendered":"Ohne Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich bleibt Open dicht"},"content":{"rendered":"<p>Anfang Mai erschien im Universit\u00e4tsverlag des Saarlands der von Ulrich Herb herausgegebene Sammelband <a href=\"http:\/\/universaar.uni-saarland.de\/monographien\/volltexte\/2012\/87\/\">&#8222;Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft&#8220;<\/a>. Darin findet sich der lesenswerte Beitrag von Jutta Haider <a href=\"http:\/\/eprints.rclis.org\/handle\/10760\/17229#.T_xk23nhfe5\">&#8222;Open Access hinter verschlossenen T\u00fcren oder wie sich Open Access im und mit dem Enwicklungsdiskurs arrangiert&#8220;<\/a>.<br \/>\nHaider zeigt dort anschaulich, wie die ideologische Begr\u00fcndung f\u00fcr Open Access letztlich im imperialistischen Diskurs einer Entwicklungshilfe verortet ist, die &#8222;armen&#8220; oder &#8222;unterentwickelten&#8220; Gesellschaften die angeblichen und realen Segnungen der kapitalisitischen Industriel\u00e4nder des globalen Nordens \u00fcberhelfen soll. Besser noch, es soll die Hoffnung auf diese Segnungen dauerhaft aufrecht erhalten, kann diese aber de facto nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Haider ist dabei nicht im Geringsten daran gelegen, den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Arbeit an sich zu kritisieren. Sie kritisiert, mit welchen Argumenten die Archive und Publikationsprozesse ge\u00f6ffnet werden sollen. Sie kritisiert, das eine rein technische L\u00f6sung (\u00fcbers Netz zug\u00e4ngliche Datenbanken) als Allheilmittel gegen Ungleichheit (hier: in der Wissenschaft) gepriesen wird und dabei die flankierende PR die Ungleicheit dauerhaft zementiert.<!--more--><\/p>\n<p>Dem lie\u00dfe sich entgegnen, dass es in Open Access-Zeitschriften einen messbar h\u00f6heren Anteil an Publikationen von WissenschaftlerInnen gibt, die aus den sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern stammen und dort arbeiten (vgl. Evans\/Reimer: <a href=\"http:\/\/www.sciencemag.org\/content\/323\/5917\/1025.short\">Open Acces and Global Participation<\/a>).<\/p>\n<p>Andererseits zeigt die aktuelle Definition der Golden Road des Open Access, dass es gerade die gro\u00dfen Wissenschaftsverlage sind, die es sehr genau verstanden haben, Open Access f\u00fcr sich und damit f\u00fcr eine weitergehende Vormachtstellung zu nutzen. War mit der Golden Road urspr\u00fcnglich nur gemeint, Wissenschaftliche Beitr\u00e4ge offen und frei erstzuver\u00f6ffentlichen (im Gegensatz zur Green Road, der freien und offenen Zweitver\u00f6ffentlichung nach einer exklusiven Vermarktung der Beitr\u00e4ge durch privatwirtschaftliche Verlage), wird &#8222;golden&#8220; mittlerweile merheitlich so verstanden, dass privatwirtschaftliche Verlage nach Zahlung einer Publikationsgeb\u00fchr die offene und freie Erstver\u00f6ffentlichung der wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge organisieren.<\/p>\n<p>Dies hat (v.a. f\u00fcr die &#8222;westliche&#8220; Wissenschaft) den Vorteil, dass Open Access so kompatibel wird zur g\u00e4ngigen wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichungspraxis (vgl. ebenfalls Evans\/Reimer) sowie den dazugeh\u00f6rigen Methoden der Qualit\u00e4tssicherung und der Verleihung von Reputation f\u00fcr die AutorInnen.<br \/>\nDabei spielen namhafte Verlage eine wichtige Rolle f\u00fcr die Reputation der WissenschaftlerInnen. Die m\u00f6glichst objektiv zu bemessende Reputation wiederum ist wichtig bei Berwerbungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs, wie wir ihn derzeit kennen. Gerade in Naturwissenschaften und der Medizin ist hierbei der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Impact_Factor\">Journal Impact Factor (JIF)<\/a> von Bedeutung, der misst, welcher Artikel wie oft in welchen namhaften Zeitschriften erw\u00e4hnt wird. Unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass der JIF von einem us-amerikanischen Medienkonzern gemessen wird und die wichtigsten Wissenschaftsverlage aus Europa und Nordamerika stammen.<\/p>\n<p>Einerseits hat die Kompatibilit\u00e4t mit tradierten Systemen dazu gef\u00fchrt, dass Open Access binnen weniger Jahre eine immens wichtige Stellung in einigen Disziplinen eingenommen hat, was im offenen Kampf gegen die Traditionen wohl nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Andereseits zeigt sich hier, dass es passend zu Jutta Haiders Diksursanalyse auch statistische und \u00f6konomische Indizien daf\u00fcr gibt, dass Open Access so kaum etwas an herrschenden Ungleichheiten in der globalen Wissensvermittlung \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ulrich Herb hat, ebenfalls vor zwei Monaten, in einem <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/36\/36891\/1.html\">Artikel \u00fcber Open Science bei Telepolis<\/a> in eine \u00e4hnliche Kerbe gehauen. Zun\u00e4chst zeigt er knapp und gut, was Open Science, also die transparente und \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche (Online-)Dokumentation aller Teile des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, ausmacht. Dann aber folgt ebenso knapp und gut der Hinweis darauf, dass Open Science nichts daran \u00e4ndert, dass Wissenschaft weiterhin vor allem Gesch\u00e4ft der sozialen Eliten ist und die gl\u00e4serne Decke auch in der Wissenschaft Frauen massiv benachteiligt. Sein Fazit lautet daher: &#8222;Der Offenheit fehlt es noch an Partizipation.&#8220;<br \/>\n(Wie eine solche Partizipation beispielsweise aussehen kann, skizziert Hella von Ungern in der <a href=\"http:\/\/www.wzb.eu\/sites\/default\/files\/publikationen\/wzb_mitteilungen\/wm135.25-27.pdf\">M\u00e4rz-Ausgabe der WZB-Mitteilungen<\/a> (PDF).)<\/p>\n<p>Letztlich ist dies ein Problem aller Open-Bewegungen, die im Zuge der Digitalisierung entstanden sind.<\/p>\n<p>Open Innovation soll externes Wissen und somit eine Bed\u00fcrfnisorientierung in die Produktenwicklung tragen, l\u00e4uft aber Gefahr, eine Privatiserung von crowdgesourctem Know-How zu werden, wenn es nicht mit einer fairen Teilhabe der Fabrikbelegschaften, KonsumentInnen oder anderen IdeengeberInnen an den Ergebnissen einhergeht.<\/p>\n<p>Open Data und Open Government sind Spielzeug oder gar Machtinstrumente f\u00fcr digitale Eliten, solange die Internetnutzung selbst in Deutschland eine Frage von formal hoher Bildung und hohem Einkommen ist (vgl. hierzu beispieslweise die aktuellen Zahlen im <a href=\"http:\/\/www.nonliner-atlas.de\/\">(N)Onliner-Atlas<\/a> von 2012).<\/p>\n<p>Dennoch, die netzaffinen Open-Bewegungen haben alle gro\u00dfes emanzipatorisches Potential. Sie k\u00f6nnen es aber nur entfalten, wenn technische L\u00f6sungen begleitet werden durch konkrete globale wie lokale Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich.<\/p>\n<div id=\"tweetbutton5351\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht%2F&amp;text=Ohne%20Gleichberechtigung%20und%20sozialen%20Ausgleich%20bleibt%20Open%20dicht&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Mai erschien im Universit\u00e4tsverlag des Saarlands der von Ulrich Herb herausgegebene Sammelband &#8222;Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft&#8220;. 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