{"id":6462,"date":"2013-05-10T12:00:50","date_gmt":"2013-05-10T11:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=6462"},"modified":"2013-05-10T12:00:50","modified_gmt":"2013-05-10T11:00:50","slug":"zukunft-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/zukunft-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Zukunft der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt ver\u00e4ndert, ist ein beliebtes Thema. Nicht nur die Internet-Enquete hat sich in einer eigenen <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/internetenquete\/dokumentation\/Wirtschaft_Arbeit_Green_IT1\/index.jsp\" target=\"_blank\">Projektgruppe<\/a> damit besch\u00e4ftigt, sondern es gab auch auf der re:publica 2013 gleich mehrere Vortr\u00e4ge zu diesem Thema.<!--more--><\/p>\n<p>\u201e<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MpiatFsLE9w\" target=\"_blank\">Der Montag liebt dich<\/a>\u201c, hie\u00df der von Teresa B\u00fccker, bekannt als <a href=\"https:\/\/twitter.com\/fraeulein_tessa\" target=\"_blank\">Fr\u00e4ulein Tessa<\/a>. Die Entgrenzung der Arbeit lasse sich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen, so B\u00fccker, Arbeit und Freizeit seien immer schwerer zu trennen, und das werde sich wohl auch so fortsetzen. Die naheliegende Konsequenz: Wenn die Arbeit sich nicht aus dem Leben heraushalten kann, m\u00fcsse das Leben sich eben in die Arbeit hineinentwickeln. Nicht eine Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben im Sinne eines Nebeneinander sei erstrebenswert, sondern die Arbeit m\u00fcsse lebenswerter, attraktiver werden. Unternehmen d\u00fcrften sich in Zukunft nicht mehr nur f\u00fcr die Arbeit ihrer Mitarbeiter interessieren, sondern m\u00fcssten auch deren Gesundheit und ihre sozialen Beziehungen im Blick haben. Arbeit m\u00fcsse beziehungsorientierter werden, denn Beziehungen und Freundschaften seien das Fundament von Wirtschaft und Gesellschaft.<\/p>\n<p>B\u00fccker formuliert als positive Utopie, was andere als \u00dcbergriffigkeit beschreiben: die zunehmende Indienstnahme pers\u00f6nlicher Beziehungen, die Unterordnung des \u201egeneral intellect\u201c, also der pers\u00f6nlichen F\u00e4higkeiten und Sozialbeziehungen, unter das Primat der Unternehmensziele. Wenn man sich bei der Arbeit nicht nur selbst verwirklichen kann, sondern auch seine pers\u00f6nlichen Beziehungen ausleben, ja wenn man bei der Arbeit sogar seine pers\u00f6nlichen Ziele verwirklichen kann, dann kann die Arbeit ruhig das Leben sein. Es setzt dann allerdings voraus, dass Unternehmen sich um ihre Besch\u00e4ftigten \u00fcber die Arbeit hinaus k\u00fcmmern. Das klingt ein bisschen neofeudal, aber der historische Bezug taucht nicht auf.<\/p>\n<p>Jutta Allmendinger vom wzb Berlin entwickelt in ihrem <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yNLR2ykS0Tc\" target=\"_blank\">Vortrag<\/a> weniger ehrgeizige Utopien, wenngleich auch sie zu dem Schluss kommt, dass eine Neuaufstellung von Markt, Staat und Familie n\u00f6tig sei. Allmendinger besch\u00e4ftigt sich mit der Erwerbsbeteiligung von Frauen, was angesichts der Diskussionen um Frauenquoten in Wirtschaft und Politik ein hochaktuelles Thema scheint. Gerade die Quotierungsdebatte h\u00e4lt die Wissenschaftlerin jedoch f\u00fcr ein Ablenkungsman\u00f6ver. Zwar sei der Anteil berufst\u00e4tiger Frauen im Verlauf der letzten 30 Jahre immer weiter angestiegen. Das Arbeitsvolumen von Frauen habe sich jedoch nicht ver\u00e4ndert. Nur h\u00e4tten fr\u00fcher mehr Frauen in Vollzeit gearbeitet, w\u00e4hrend es heute mehr Teilzeitarbeit gebe. Es handle sich also bei dem Zuwachs um eine Umverteilung, die allein unter den Frauen stattgefunden habe. Deshalb sei auch die Forderung nach gleichem Geld f\u00fcr gleiche Arbeit nicht ausreichend. Man m\u00fcsse vielmehr dar\u00fcber nachdenken, wie die Zeitkontingente egalit\u00e4rer verteilt werden k\u00f6nnten. Schon allein, um auch unbezahlte T\u00e4tigkeiten wie Kindererziehung, Pflege oder Weiterbildung in die Rechnung einzubeziehen. Was die soziale Absicherung angehe, sei f\u00fcr Frauen das Heiraten immer noch attraktiver als die eigene Erwerbsarbeit. Denn von der Rente des Mannes k\u00f6nnten sie sp\u00e4ter im Zweifelsfall besser leben als von der eigenen.<\/p>\n<p>Johannes Kleske widmete sich in seinem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xPL0vKClCxM\" target=\"_blank\">Beitrag<\/a> der These vom Ende der Arbeit durch zunehmende Automatisierung. Wenn Babysitter-Roboter in Zukunft die Kinderbetreuung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, Reinigungsroboter die Wohnungen und B\u00fcros putzen, unbemannte Drohnen die Soldaten \u00fcberfl\u00fcssig machen, selbstfahrende Autos den Beruf des Fahrers \u00fcberrollen, High-Frequency-Trading-Algorithmen die Broker an der B\u00f6rse verdr\u00e4ngen, Mustererkennungssoftware den Anw\u00e4lten und Radiologen einen Teil ihrer Arbeit abnimmt und am Ende vielleicht gar 3D-Drucker den Fertigungsarbeiter in China verdr\u00e4ngen \u2013 kommt dann nicht die Arbeitsgesellschaft an ihr Ende? Ausgehend von dieser Diagnose entwickelt Kleske zwei Zukunftsszenarien. In dem einen dienen Maschinen dazu, die verbliebenen Arbeitenden besser zu \u00fcberwachen. So k\u00f6nnen Lagerarbeitern beispielsweise heute schon Armb\u00e4nder mit elektronischen Sensoren verpasst werden, die die Frequenz der einzelnen Arbeitsschritte tracken. In dem anderen, bei dem Kleske sich auf Arthur C. Clarke beruft, nehmen die Maschinen den Menschen die Arbeit ab oder erleichtern sie ihnen zumindest, sodass diese mehr Zeit f\u00fcr andere Dinge haben oder zumindest die Arbeit menschlicher werden kann. Wie es wirklich kommen wird, das liege an uns, meint Kleske. Das Problem sei nur, dass sich au\u00dfer Technikenthusiasten kaum jemand daf\u00fcr interessiere.<\/p>\n<p>Kleske ist auf der re:publica nicht der Einzige, der ein solches Wir beschw\u00f6rt, das anscheinend \u00fcber fast unbegrenzte Handlungssouver\u00e4nit\u00e4t verf\u00fcgt, aber erst noch zum Nachdenken angeregt werden muss. Warum das Ende der Arbeit durch technischen Fortschritt nicht schon l\u00e4ngst zum Nutzen aller angebrochen ist und welche systemischen Widerst\u00e4nde gegen eine Abkehr von der Arbeitsgesellschaft bestehen, thematisiert er leider nicht, sondern begn\u00fcgt sich mit einem Seitenhieb auf die Gewerkschaften, die gedanklich im Industriezeitalter stecken geblieben seien.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck weiter geht Trebor Scholz von der New School in New York City bei seinem Vortrag mit dem Titel \u201e<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=52CqKIR0rVM\" target=\"_blank\">Digital labor: New opportunities, old inequalities<\/a>\u201c. Ausgehend von dem in Bangladesch eingest\u00fcrzten Hochhaus und den dabei zu Tode gekommenen Textilarbeitern zieht Scholz eine Verbindungslinie von globalem Outsourcing zu digitalem Crowdsourcing. Die als innovativ gepriesenen neuen Gesch\u00e4ftsmodelle der digitalen Welt seien im Begriff, die Errungenschaften der letzten einhundert Jahre im Kampf um die Rechte von Arbeitenden mit einem Schlag zunichte zu machen. Crowdgesourcte Designwettbewerbe beruhten zumeist auf dem Prinzip, dass eine gro\u00dfe Zahl der Teilnehmenden unbezahlt arbeite, weil am Ende nur das Design des Gewinners von dem Unternehmen pr\u00e4miert werde. Unbezahlte Arbeit f\u00fcr ein Unternehmen sei jedoch Ausbeutung, in welcher rechtlichen Form auch immer sie daherkomme. \u00c4hnlich hart f\u00e4llt Scholz\u2018 Urteil \u00fcber Amazons \u201eMechanical Turk\u201c-Service aus. Viele, die sich dort registrierten, t\u00e4ten dies nicht freiwillig, sondern weil sie angesichts mangelnder sozialer Absicherung das Geld dringend ben\u00f6tigten, und sei es noch so wenig. Tats\u00e4chlich seien die bisweilen euphemistisch als \u201ecloud worker\u201c bezeichneten, anonym bleibenden Arbeitskr\u00e4fte eine Art digitales Lumpenproletariat. Die Unternehmen profitierten davon, dass die \u00fcblichen arbeitsrechtlichen Regularien in diesem Bereich zum Teil nicht gelten, zum Teil schlicht nicht durchgesetzt werden. Entsprechend pl\u00e4diert Scholz f\u00fcr eine st\u00e4rkere Verrechtlichung des unregulierten Raums der digitalen Arbeitswelten. Arbeiterrechte aus der Offline-Welt m\u00fcssten auch f\u00fcr Services wie \u201eMechanical Turk\u201c gelten und zur Not juristisch eingefordert werden.<\/p>\n<p>Wie ein zusammenfassender Abschluss der Panels zur Zukunft der Arbeit wirkt schlie\u00dflich Matthias Spielkamps <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Y4_UADsQofU&amp;list=PLAR_6-tD7IZURSvLZEHhoCNH15x5Os6JU\" target=\"_blank\">Vortrag<\/a> zum bedingungslosen Grundeinkommen. Unter Berufung auf Andre Gorz und Philippe Van Parijs argumentiert der Journalist und Autor wiederum mit den enormen Produktivit\u00e4tsfortschritten, kommt aber zu dem Schluss, dass darauf mit einer neuen Art der Einkommensverteilung reagiert werden m\u00fcsse. Wenn immaterielle Arbeit, wie Gorz formuliert habe, das \u201eHerz der Wertsch\u00f6pfung\u201c sei, immaterielle Arbeit aber \u00fcberall geleistet werde, nicht nur am Arbeitsplatz, dann sei auch ein Grundeinkommen begr\u00fcndbar, das bedingungslos, also ohne konkrete Gegenleistung, ausgezahlt wird.<\/p>\n<p>Spielkamp r\u00e4umt am Ende freim\u00fctig ein, haupts\u00e4chlich den theoretischen Hintergrund der Grundeinkommensdebatte zusammengefasst zu haben. Er habe jedoch das Gef\u00fchl, die Diskussion sei in der Netzcommunity noch nicht richtig angekommen. Da k\u00f6nnte er recht haben. Mit ihren Panels zur Zukunft der Arbeit ist es der re:publica 2013 gelungen, einen \u00dcberblick \u00fcber allerlei Ph\u00e4nomene und Entwicklungen zu geben, die au\u00dferhalb der digitalen Welt mitunter wenig wahrgenommen werden. Umgekehrt scheinen jedoch manche Vortragende die Debatten zum Thema, die au\u00dferhalb des Netzes seit drei\u00dfig Jahren mitunter auf hohem Niveau gef\u00fchrt werden, kaum zur Kenntnis zu nehmen. W\u00fcrde sich das \u00e4ndern, w\u00fcrde vielleicht auch der in letzter Zeit oft eingeforderte Br\u00fcckenschlag der Netzcommunity zum Rest der Gesellschaft leichter.<\/p>\n<div id=\"tweetbutton6462\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fzukunft-der-arbeit%2F&amp;text=Zukunft%20der%20Arbeit&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fzukunft-der-arbeit%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt ver\u00e4ndert, ist ein beliebtes Thema. 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