{"id":6742,"date":"2013-07-29T15:44:15","date_gmt":"2013-07-29T14:44:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/?p=6742"},"modified":"2013-07-30T14:04:20","modified_gmt":"2013-07-30T13:04:20","slug":"antwort-auf-eine-frage-von-robert-misik-ja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/antwort-auf-eine-frage-von-robert-misik-ja\/","title":{"rendered":"Antwort auf eine Frage von Robert Misik: Ja."},"content":{"rendered":"<p>Der von uns sehr gesch\u00e4tzte Autor und Journalist Robert Misik (er war <a href=\"http:\/\/netzfueralle.blog.rosalux.de\/2011\/09\/15\/video-keynote-robert-misik\/\">Speaker u.a. bei #nfa11<\/a>) produziert regelm\u00e4\u00dfig sehenswerte <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/r6114\/FS-Misik\" target=\"_blank\">Podcasts auf der Seite des Wiener Standard<\/a>. Sein aktueller <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1373513944715\/Macht-posten-im-Internet-dumm\" target=\"_blank\">Podcast <\/a>steht unter der so irref\u00fchrenden wie provozierenden Frage &#8222;Macht Posten im Internet dumm?&#8220;. Misik kritisiert darin die &#8222;Schwarmbl\u00f6dheit&#8220; des Internets, insbesondere die Aggressivit\u00e4t und Zerst\u00f6rungswut anonymer Kommentare und Postings in Foren und unter digitalen Zeitungsartikeln. Ausl\u00f6ser dieser\u00a0Debatte war\u00a0offenbar das <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1373513197487\/Jenseits-des-Anstandsguertels\" target=\"_blank\">Gest\u00e4ndnis<\/a> der\u00a0Standard-Kolumnistin\u00a0\u00a0Julya Rabinowich, sie habe sich selbst\u00a0durch ihre Anonymit\u00e4t im Internet ver\u00e4ndert, aber auch <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1373513173753\/Herausforderung-Community\" target=\"_blank\">diese Erkl\u00e4rung der Standard-Online-Redaktion <\/a>zu sch\u00e4rferen Moderationsregeln, die sich stark auf das Thema Anonymit\u00e4t bezieht. Er fragt demnach nicht, ob das Posten im Internet dumm mache, sondern ob vor allem Dumme im Internet posten &#8211; ein v\u00f6llig andere Frage.<\/p>\n<p>Misik stellt also fest, dass sich anders als viele das zun\u00e4chst erhofft haben, die &#8222;Reife&#8220; der politischen \u00d6ffentlichkeit durch das Internet nicht erh\u00f6ht, sondern gesenkt habe. Damit reiht sich Misik ein in eine Reihe von fr\u00fcheren Netzoptimisten wie Jaron Larnier, Joseph Weitzenbaum\u00a0oder auch J\u00fcrgen Habermas, die heute die Entwicklung der digitalen \u00d6ffentlichkeit kritisch sehen. Es sei\u00a0ein\u00a0Problem, so Misik, dass\u00a0die anonymen KommentatorInnen sich diese Art zu schreiben mit Klarnamen \u00fcberhaupt nicht trauen w\u00fcrden, weil sie die Konsequenzen wie soziale \u00c4chtung oder auch rechtliche Auseinandersetzungen tragen m\u00fcssten. Menschen, die unter ihrem Namen oder als normale Autor_innen im Netz agierten seien die Deppen, auf die alle anderen unter Pseudonym mit der Keule von Aggression und Beleidigungen herumdreschen k\u00f6nnten. Misik unterlegt das ganze erst mit echten Kommentaren wohl aus dem SPON-Forum und dann mit trolligen, selbst formulierten\u00a0Kommentaren zum eigenen Text. Er endet mit der Frage:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Will ernsthaft jemand behaupten, dass wir heute eine reifere politische Debatte und \u00d6ffentlichkeit haben als vor zwanzig Jahren?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Man solle ein Ja gut begr\u00fcnden. Hier\u00a0ein Versuch: <!--more--><\/p>\n<p>Kommentare unter digitalen Redaktionsbeitr\u00e4gen von Zeitungen sind nur ein winziger Teil\u00a0digitaler\u00a0\u00d6ffentlichkeit, kein unwichtiger, aber vielleicht der unwichtigste.\u00a0Oft sind die alternative Interpretationen,\u00a0Erg\u00e4nzungen oder auch Kommentierung hilfreich, oft sind sie auch &#8211; und da hat Misik recht &#8211; ein Auskotzen, das wohl mehr der Seelenhygiene der Schreiberlinge als dem Diskurs gilt. Jeder kennt die Foren, in denen vielleicht einer von\u00a0zehn Beitr\u00e4gen als ernstgemeinter Debattenbeitrag zu sehen ist. Daniel Kehlmann hat der Psychologie eines solchen Trolls ein Kapitel seines Buchs &#8222;Ruhm&#8220; gewidmet.<\/p>\n<p>Jeder kennt aber wohl auch das Gegenteil: Medien, die mit Ihrer Leser_innenschaft im st\u00e4ndigen Austausch sind.\u00a0Die Interaktivit\u00e4t aller Arten von Beitr\u00e4gen im Netz ist aus ein echter Vorteil, denn er demokratisiert tats\u00e4chlich das geschriebene Wort. Wo fr\u00fcher der redaktionell gek\u00fcrzte und zumeist gar nicht\u00a0wahrgenommene Leserbrief\u00a0an eine kafkaesk anmutende, zumeist weitgehend anonyme\u00a0Gro\u00dfredaktion stand, gibts heute den direkten Weg f\u00fcr Meinungs\u00e4u\u00dferungen aller Art.\u00a0Die fr\u00fcher schweigende Masse der Medienkonsument_innen kann diskutieren &#8211; wie sie das tut, ist ihre Sache und die der Moderationsregeln.<\/p>\n<p>Die entscheidendere Qualit\u00e4t digitaler \u00d6ffentlichkeit spielt sich jedoch nicht in den Trollforen ab, sondern auf\u00a0den selbstorganisierten Kommunikationskan\u00e4len\u00a0aller Art sowie in sozialen Netzwerken.\u00a0Allein f\u00fcr das Informationsangebot der Seite <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\">www.bundestag.de<\/a> h\u00e4tte sich Otto-Normal-B\u00fcrgerin fr\u00fcher eine LKW-Ladung Akten liefern lassen m\u00fcssen. F\u00fcr das, was etwa ein Blog wie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.netzpolitik.org\">www.netzpolitik.org<\/a> leistet, h\u00e4tte es\u00a0im analogen Zeitalter\u00a0keinerlei Raum gegeben &#8211; nicht in der Zeitung, nicht im Fernsehen, nicht in den Versammlungsr\u00e4umen alternativer\u00a0Zentren. Wer heute\u00a0etwa mit dem\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/RegSprecher\" target=\"_blank\">Regierungssprecher Steffen Seibert\u00a0<\/a>, dem <a href=\"https:\/\/twitter.com\/sigmargabriel\" target=\"_blank\">SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/schroeder_k\" target=\"_blank\">Familienministerin Kristina Schr\u00f6der\u00a0<\/a>oder dem <a href=\"https:\/\/twitter.com\/GregorGysi\" target=\"_blank\">LINKEN Gregor Gysi <\/a>diskutieren will, der kann das ohne Umwege tun. Wer sich nicht auf die Gatekeeper der Redaktionen verlassen will, der sucht sich heute seine Informationen selbst. Soziale Netzwerke dienen &#8211; ja &#8211; auch zum Austausch von Urlaubsfotos, von privaten Belanglosigkeiten, von Gossipp\u00a0und SPAM. Aber niemand w\u00fcrde wohl\u00a0bestreiten, dass sie heute auch ein essenzielles und progressives\u00a0Tool\u00a0politischer Organisations- und Kampagnenarbeit sind. Ein Beispiel war etwa die von politischen Parteien weitgehend ungesteuerte\u00a0Kampagne\u00a0 bei Facebook f\u00fcr\u00a0bzw. gegen die Wahl des damaligen rot-gr\u00fcnen Kandidaten Gauck zum Bundespr\u00e4sidenten. Wo h\u00e4tte diese kollektive politische Meinungsbildung Hunderttausender\u00a0im analogen Zeitalter denn stattfinden sollen? Durch Demonstrationen vor dem Schloss Bellevue? Aber auch f\u00fcr organisierte politische Arbeit sind Netzwerke ein nicht mehr wegzudenkendes Werkzeug,\u00a0das verwantwortungsvoll und mit exponenzieller Lernkurve in Sachen Effizienz und Offenheit verwendet wird. Die Piraten f\u00fcgen dieser Lernkurve gerade weitere Kapital hinzu.<\/p>\n<p>Bei all diesen Beispielen bleiben wir immer noch in &#8222;Musterstaaten&#8220; des unabh\u00e4ngigen\u00a0Printjournalismus und der pluralen Medienlandschaft von ARD\u00a0\u00fcber DLF bis\u00a0N24. \u00a0Wir sind noch nicht in den L\u00e4ndern, in denen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen vor allem\u00a0gef\u00e4rbte und zensierte \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren, in denen das Internet eine echte Gegen\u00f6ffentlichkeit zur unbrauchbaren\u00a0oder korrupten Medienlandschaft darstellt.<\/p>\n<p>Aber selbst in den &#8222;Musterstaaten&#8220;, wo das Internet eher komplement\u00e4r zu klassischen Medien wirkt, sind die Reifungsprozesse sichtbar.\u00a0Sie bestehen in der\u00a0Verbreiterung, also der Demokratisierung politischer Kommunikation\u00a0und in ihrer Direktheit\u00a0sowie in der\u00a0gestiegenen Transparenz. F\u00fcr eine Elite von Meinungsmacher_innen wird es damit schwieriger &#8211; ohne Frage.\u00a0Politische Kommunikation ist\u00a0heute ein sicher m\u00fchsameres\u00a0Agieren in einer zersplitterten und un\u00fcbersichtlichen sowie instabilen Landschaft.\u00a0Es reicht heute nicht, wenn sich drei wichtige M\u00e4nner \u00fcber etwas einig sind und sie die drei wichtigsten M\u00e4nner\u00a0in Verlagen und Redaktionen\u00a0anrufen, um das zu verkaufen. Und das ist auch gut so.\u00a0Weniger gut ist vielleicht, dass sich\u00a0abw\u00e4gende und diffrenzierende\u00a0Intellektuelle, die zu politischen Debatten Bedenkenswertes beizutragen haben, heute anders Geh\u00f6r\u00a0verschaffen m\u00fcssen als mit\u00a0dem einen entscheidenden\u00a0Beitrag im\u00a0Feuilleton der (gedruckten) FAZ.\u00a0Geh\u00f6r verschaffen wie Robert Misik &#8211; dessen <a href=\"http:\/\/www.misik.at\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a> eins der meistgelesenen in \u00d6sterreich ist.\u00a0Viele, die mit diesem Wandel Probleme haben, beklagen ihn &#8211; <a href=\"http:\/\/netzwertig.com\/2008\/06\/10\/ach-juergen-habermas\/\" target=\"_blank\">Intellektuelle<\/a> oder <a href=\"http:\/\/de.euronews.com\/2011\/06\/30\/alle-gegen-einen-lukaschenko-schimpft-auf-muellhaufen-internet\/\" target=\"_blank\">Potentaten<\/a>. Aber der Wandel ist kein Naturereignis, sondern gemacht und gewollt.<\/p>\n<p>Ja, die politische \u00d6ffentlichkeit ist reifer geworden. Mehr Menschen k\u00f6nnen mitlesen, mitschreiben, mitdenken und hoffentlich immer mehr mitentscheiden. Mehr Menschen &#8211; und damit kommen wir zum Problem der Trolle &#8211; sind mehr konstruktive und mehr weniger konstruktive Menschen.\u00a0Misik meint nun, das Internet z\u00f6ge die weniger konstruktiven an, weil Meinungs\u00e4u\u00dferungen folgenlos blieben. Hier bleiben Zweifel, denn auch wenn die \u00c4u\u00dferungen anonym erfolgen, sind sie doch globale \u00d6ffentlichkeit &#8211; anders als der &#8222;ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte&#8220; Stammtisch, an dem man(n) sich fr\u00fcher auskotzte und heute wohl immer noch. Vereinzelt werden auch einzelne wegen \u00c4u\u00dferungen oder Handlungen mit &#8222;Shitstorms&#8220; \u00fcberzogen &#8211; gern auch Politiker_innen. Der Vorteil: das Netz kann sich durch seinen \u00f6ffentlichen und offenen Charakter selbst regulieren, &#8222;der&#8220; Stammtisch nicht.<\/p>\n<p>Wer heute die Zersplitterung der \u00d6ffentlichkeit beklagt (was Robert Misik nicht tut), ging wohl auch davon aus, dass\u00a0Stammtische fr\u00fcher sch\u00f6n den &#8222;Tagesschau&#8220;-Kommentar rezitierten und dessen Position denn auch gleich \u00fcbernahm. Oder er hat einfach einen sehr beschr\u00e4nkten Blick auf die\u00a0fr\u00fcher noch viel\u00a0kleinere\u00a0Meinungsmacherelite, die sich mit sich selber \u00fcber\u00a0in den Konsequenzen alle betreffende\u00a0Positionen verst\u00e4ndigte. Also genau das, was\u00a0auch Misik\u00a0&#8222;dem Internet&#8220; vorwirft.\u00a0\u00a0Denn auch\u00a0im analogen Zeitalter\u00a0fand die politische\u00a0Willensbildung doch nicht durch die Massen\u00a0in sch\u00f6n geordneten Kan\u00e4len von\u00a0Presse, Funk und Fernsehen statt, sondern zumeist schlicht ohne\u00a0Teilhabe oder wenigstens\u00a0Kommentierung durch diese Massen.\u00a0Eine nicht zersplitterte \u00d6ffentlichkeit w\u00e4re demnach\u00a0eine elit\u00e4re \u00d6ffentlichkeit (gewesen).<\/p>\n<p>Andersherum wird ein passender\u00a0Schuh draus: Zersplitterung von \u00d6ffentlichkeit ist notwendige\u00a0Demokratisierung, denn die gesellschaftliche Realit\u00e4t war immer schon viel heterogener als ihr mediales Abbild. Und um es noch weiter zu drehen und auf Robert Misiks Frage nach der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zur\u00fcckzukommen: es ist diese gesellschaftliche Realit\u00e4t, die sich in den vergangenen zwei Dekaden radikalisiert hat\u00a0&#8211; nach dem Fall der Mauer, der \u00f6konomischen Globalisierung, mit der neoliberalen Epoche, mit\u00a0neuen internationalen Konflikten und\u00a0Kriegen, und einer neuen Un\u00fcbersichtlichkeit nach dem Ende der Blockauseinandersetzung.<\/p>\n<p>These: das Internet ist das ad\u00e4quate Medium, um diese Realit\u00e4t \u00fcberhaupt medial einigerma\u00dfen angemessen wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Und da muss man nicht\u00a0bis\u00a0in den Gezi-Park oder auf den Tahrir-Platz schauen.<\/p>\n<p>Also, &#8222;don&#8217;t feed the trolls&#8220;, denn deren Geschreibsel sind <a href=\"http:\/\/saschalobo.com\/2009\/12\/04\/trollforschung-aktuell\/\" target=\"_blank\">nach Sascha Lobo <\/a>nur die &#8222;Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.&#8220; Unter Umst\u00e4nden sind die Trolle von eben die Diskursf\u00e4higen von gleich.<\/p>\n<p>Und: ohne das Internet k\u00f6nnten wir diese (minderqualitative &#8211; klar) Debatte gar nicht f\u00fchren. Vielleicht aber hat Robert Misik\u00a0 mit seiner provokativen Frage auch nur selbst den Beweis liefern wollen, dass man intelligent und mit offenem Visier\u00a0trollen kann?<\/p>\n<p>UPDATE: die Redaktion von derstandard.at hat diesen Beitrag <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1373514068388\/Das-Netz-ist-nicht-so-boese-wie-Misik-denkt\" target=\"_blank\">auf ihre Seite <\/a>\u00fcbernommen. Danke!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"tweetbutton6742\" class=\"tw_button\" style=\"float:right;margin-left:10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fantwort-auf-eine-frage-von-robert-misik-ja%2F&amp;text=Antwort%20auf%20eine%20Frage%20von%20Robert%20Misik%3A%20Ja.&amp;related=&amp;lang=de&amp;count=horizontal&amp;counturl=https%3A%2F%2Fblog.die-linke.de%2Fdigitalelinke%2Fantwort-auf-eine-frage-von-robert-misik-ja%2F\" class=\"twitter-share-button\"  style=\"width:55px;height:22px;background:transparent url('https:\/\/blog.die-linke.de\/digitalelinke\/wp-content\/plugins\/wp-tweet-button\/tweetn.png') no-repeat  0 0;text-align:left;text-indent:-9999px;display:block;\">Tweet<\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der von uns sehr gesch\u00e4tzte Autor und Journalist Robert Misik (er war Speaker u.a. bei #nfa11) produziert regelm\u00e4\u00dfig sehenswerte Podcasts auf der Seite des Wiener Standard. 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