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Google’s Move

Die gestern bekannt gegebene Übernahme von Motorola Mobility durch Google hat zu zahlreichen Spekulationen über das strategische Kalkül des Internetkonzerns aus dem kalifornischen Moutain View geführt. Der Kaufpreis von 12,5 Milliarden Dollar, zu zahlen in Bargeld, ist enorm und beinhaltet bei gezahlten 40 Dollar pro Aktie einen Aufpreis von 63 Prozent gegenüber dem Schlusskurs von Freitag. Das gewöhnlich gut informierte Technologie-Blog GigaOm hilft, die dahinter stehenden Interessen Googles nachzuzeichnen.

Bereits gestern gab dort Om Malik Gerüchte aus Insiderkreisen wieder. Demnach stand auch Microsoft in Verhandlungen mit Motorola. Eine Übernahme des Patent-Portfolios von Motorola Mobility hätte dem Softwarekonzern aus Redmond erlaubt, Googles mobiles Betriebssystem Android OS weiter zu torpedieren. Nach dem Erwerb der Nortel-Patente durch ein Konsortium aus Apple, Research in Motion und Microsoft Anfang Juli – seinerzeit wurden 4,5 Milliarden Dollar gezahlt – hätte das eine weitere Niederlage für Google im Wettbewerb um den jüngsten Expansionspfad des Netzes, dem mobilen Internet, bedeutet. Den enormen Aufpreis, den Google zu zahlen bereit war, wäre vor diesem Hintergrund zumindest nachvollziehbar.

Ebenfalls gestern berichten Stacey Higginbotham und Katie Fehrenbacher an gleicher Stelle über weitere Produkte aus dem mit dem Erwerb an Google übergegangenen Portfolio von Motorola Mobility. Letztere hatte erst kürzlich das Startup 4Home übernommen und damit eine wichtige Investition auf dem Gebiet der Home Automation-Systeme getätigt. Solche Software basierten Systeme erlauben es, Daten für die häusliche Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlage, aber auch für Licht, Jalousien und vieles mehr – etwa zur Gesundheitsvorsorge – via Smartphone zu übermitteln und deren Steuerung zu übernehmen. Google, das die Weiterentwicklung der eigenen Energiespar-Software PowerMeter Anfang des Jahres eingestellt hatte, wäre somit auf Basis von Android zurück in diesem als lukrativ bewerteten Zukunftsgeschäft.

Zugleich verweisen sie auf Produkte aus dem Portfolio von Motorola Mobility, die auf den ersten Blick nicht in die bislang von Google verfolgte Unternehmensstrategie zu passen scheinen. So entwickelt Motorola Mobility in Kooperation mit dem zweitgrößten US-Kabelnetzbetreiber Time Warner Cable eine Video-Gateway-Plattform, mit dem TV- und Video-Inhalte als Premium-Angebote für den Home Entertainment-Markt bereitgestellt werden sollen. Würde Google diesen Teil aus der Angebotspalette von Motorola Mobility tatsächlich behalten wollen, tätigte es einen Schritt in Richtung Content und Transport, hin zu geschlossenen, proprietären Systemen.

Ist Google also auf dem Weg hin zu einem herkömmlichen, vertikal integrierten Konzern? Verabschiedet sich das Unternehmen schleichend von der Proklamation eines offenen Netzes und offener Plattformen? Reiht es sich ein in die Hollywood freundlichen Konglomerate, deren Interessen sich wie im Falle von Apple und Microsoft zunehmend mit jenen der Urheberrechtsindustrie und der Carrier verbinden?

Tim Wu hat in „The Master Switch“ (2010) das Geschäftsmodell von Google als auf einer Trennung von Content und Transport beruhend analysiert. Der Erfolg des Internetkonzerns basiere darauf, das Chaos im World Wide Web zu organisieren und für den Einzelnen nutzbar zu machen. Entgegenwirkende Momente – wie der Aufbau eines eigenen Glasfasernetzes und das Abkommen mit dem Netzbetreiber Verizon (beide 2010) – bezeichnete Wu als Google’s Countermove – getätigt in Reaktion auf das Vorgehen von Wettbewerbern, insbesondere Apple. Dass es sich bei der jüngsten Akquisition lediglich noch um einen Gegenzug handelt, darf bezweifelt werden.

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