DIGITALE LINKE
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Ohne Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich bleibt Open dicht

Anfang Mai erschien im Universitätsverlag des Saarlands der von Ulrich Herb herausgegebene Sammelband „Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft“. Darin findet sich der lesenswerte Beitrag von Jutta Haider „Open Access hinter verschlossenen Türen oder wie sich Open Access im und mit dem Enwicklungsdiskurs arrangiert“.
Haider zeigt dort anschaulich, wie die ideologische Begründung für Open Access letztlich im imperialistischen Diskurs einer Entwicklungshilfe verortet ist, die „armen“ oder „unterentwickelten“ Gesellschaften die angeblichen und realen Segnungen der kapitalisitischen Industrieländer des globalen Nordens überhelfen soll. Besser noch, es soll die Hoffnung auf diese Segnungen dauerhaft aufrecht erhalten, kann diese aber de facto nicht erfüllen.

Haider ist dabei nicht im Geringsten daran gelegen, den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Arbeit an sich zu kritisieren. Sie kritisiert, mit welchen Argumenten die Archive und Publikationsprozesse geöffnet werden sollen. Sie kritisiert, das eine rein technische Lösung (übers Netz zugängliche Datenbanken) als Allheilmittel gegen Ungleichheit (hier: in der Wissenschaft) gepriesen wird und dabei die flankierende PR die Ungleicheit dauerhaft zementiert.

Dem ließe sich entgegnen, dass es in Open Access-Zeitschriften einen messbar höheren Anteil an Publikationen von WissenschaftlerInnen gibt, die aus den sogenannten Entwicklungsländern stammen und dort arbeiten (vgl. Evans/Reimer: Open Acces and Global Participation).

Andererseits zeigt die aktuelle Definition der Golden Road des Open Access, dass es gerade die großen Wissenschaftsverlage sind, die es sehr genau verstanden haben, Open Access für sich und damit für eine weitergehende Vormachtstellung zu nutzen. War mit der Golden Road ursprünglich nur gemeint, Wissenschaftliche Beiträge offen und frei erstzuveröffentlichen (im Gegensatz zur Green Road, der freien und offenen Zweitveröffentlichung nach einer exklusiven Vermarktung der Beiträge durch privatwirtschaftliche Verlage), wird „golden“ mittlerweile merheitlich so verstanden, dass privatwirtschaftliche Verlage nach Zahlung einer Publikationsgebühr die offene und freie Erstveröffentlichung der wissenschaftlichen Beiträge organisieren.

Dies hat (v.a. für die „westliche“ Wissenschaft) den Vorteil, dass Open Access so kompatibel wird zur gängigen wissenschaftlichen Veröffentlichungspraxis (vgl. ebenfalls Evans/Reimer) sowie den dazugehörigen Methoden der Qualitätssicherung und der Verleihung von Reputation für die AutorInnen.
Dabei spielen namhafte Verlage eine wichtige Rolle für die Reputation der WissenschaftlerInnen. Die möglichst objektiv zu bemessende Reputation wiederum ist wichtig bei Berwerbungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs, wie wir ihn derzeit kennen. Gerade in Naturwissenschaften und der Medizin ist hierbei der Journal Impact Factor (JIF) von Bedeutung, der misst, welcher Artikel wie oft in welchen namhaften Zeitschriften erwähnt wird. Unnötig zu erwähnen, dass der JIF von einem us-amerikanischen Medienkonzern gemessen wird und die wichtigsten Wissenschaftsverlage aus Europa und Nordamerika stammen.

Einerseits hat die Kompatibilität mit tradierten Systemen dazu geführt, dass Open Access binnen weniger Jahre eine immens wichtige Stellung in einigen Disziplinen eingenommen hat, was im offenen Kampf gegen die Traditionen wohl nicht möglich gewesen wäre.

Andereseits zeigt sich hier, dass es passend zu Jutta Haiders Diksursanalyse auch statistische und ökonomische Indizien dafür gibt, dass Open Access so kaum etwas an herrschenden Ungleichheiten in der globalen Wissensvermittlung ändert.

Ulrich Herb hat, ebenfalls vor zwei Monaten, in einem Artikel über Open Science bei Telepolis in eine ähnliche Kerbe gehauen. Zunächst zeigt er knapp und gut, was Open Science, also die transparente und öffentlich zugängliche (Online-)Dokumentation aller Teile des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, ausmacht. Dann aber folgt ebenso knapp und gut der Hinweis darauf, dass Open Science nichts daran ändert, dass Wissenschaft weiterhin vor allem Geschäft der sozialen Eliten ist und die gläserne Decke auch in der Wissenschaft Frauen massiv benachteiligt. Sein Fazit lautet daher: „Der Offenheit fehlt es noch an Partizipation.“
(Wie eine solche Partizipation beispielsweise aussehen kann, skizziert Hella von Ungern in der März-Ausgabe der WZB-Mitteilungen (PDF).)

Letztlich ist dies ein Problem aller Open-Bewegungen, die im Zuge der Digitalisierung entstanden sind.

Open Innovation soll externes Wissen und somit eine Bedürfnisorientierung in die Produktenwicklung tragen, läuft aber Gefahr, eine Privatiserung von crowdgesourctem Know-How zu werden, wenn es nicht mit einer fairen Teilhabe der Fabrikbelegschaften, KonsumentInnen oder anderen IdeengeberInnen an den Ergebnissen einhergeht.

Open Data und Open Government sind Spielzeug oder gar Machtinstrumente für digitale Eliten, solange die Internetnutzung selbst in Deutschland eine Frage von formal hoher Bildung und hohem Einkommen ist (vgl. hierzu beispieslweise die aktuellen Zahlen im (N)Onliner-Atlas von 2012).

Dennoch, die netzaffinen Open-Bewegungen haben alle großes emanzipatorisches Potential. Sie können es aber nur entfalten, wenn technische Lösungen begleitet werden durch konkrete globale wie lokale Maßnahmen für Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich.

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