DIGITALE LINKE
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Konferenz Kreatives Schaffen: konstruktiver Dialog zwischen Urhebern und Nutzern

Wovon sollen Urheber leben, wenn das Urheberrecht im Digitalzeitalter nicht mehr so recht funktioniert? Gibt es Alternativen zu den Ausschließlichkeitsrechten, die den Kern des derzeitigen Urheberrechtsregimes ausmachen? Können Nutzer und Urheber einen solidarischen Gesellschaftsvertrag miteinander abschließen, der eine größtmögliche Zugänglichkeit von Kunst und Kultur mit einer angemessenen Vergütung verbindet?

Solche Fragen werden in der Regel über die Köpfe der Betroffenen hinweggeführt. Nicht so bei der Veranstaltung am Montag im Berliner Pfefferberg, die von der linken Bundestagsfraktion, der linken Europafraktion, der AG Dokumentarfilm, dem Chaos Computerclub und der Digitalen Gesellschaft gemeinsam ausgerichtet wurde. Insgesamt etwa 60 Stakeholder, Urheber, Nutzer und politische Akteure, waren zusammengekommen, um über neue Vergütungsmodelle für kreative Arbeit zu diskutieren.

Der Mediensoziologe Volker Grassmuck stellte zunächst sein Modell einer Tauschlizenz vor. Ähnlich wie bei der Privatkopieabgabe soll dabei eine Pauschalgebühr erhoben werden, mit der das nicht-kommerzielle Tauschen von urheberrechtlich geschützten Werken in p2p-Netzwerken legalisiert werden soll. Dieses Geld soll dann über Verwertungsgesellschaften an die Urheberinnen und Urheber verteilt werden.

Frank Rieger vom Chaos Computerclub warb hingegen für sein Modell einer „Kulturwertmark“, das in gewisser Weise eine Variante des Tauschlizenz-Ansatzes darstellt. Während Grassmuck das Geld entsprechend der grob gemessenen Nutzung verteilen möchte, plädiert Rieger für einen individuelleren Ansatz: Die Nutzer sollen jenen Künstlern, die sie besonders schätzen, Anteile aus dem großen Topf zuweisen können – ähnlich wie bei flattr. Der Vorteil: Im Ergebnis springt vielleicht für unbekannte Künstler mehr heraus. (Videomitschnitt hier.)

Cay Wesnigk von der AG Dokumentarfilm wählte einen ganz anderen Ansatz, insofern das von ihm vorgeschlagene Modell nicht auf der Zirkulationsebene ansetzt, sondern bei der Produktion kreativer Werke.  Die Dokumentarfilmer schlagen vor, dass in Zukunft ein Teil der Rundfunkgebühren ausgeschrieben wird. Filmemacher sollen sich bewerben können, um mit diesen Fördergeldern die Produktion von Werken zu finanzieren, die dann für eine begrenzte Zeit frei im Netz zur Verfügung stehen sollen. (Videomitschnitt hier.)

Heiko Hilker aus dem Büro des Europaabgeordneten Lothar Bisky stellte abschließend ein auf Initiative der Grünen vom Kulturausschuss des Europaparlaments in Auftrag gegebenes Gutachten vor, das eine kommerzielle Lösung vorschlägt. Die Provider sollen fünf Euro auf ihren Internetanschluss draufschlagen, damit ihre Kunden ein eingeschränktes Repertoire an Musikwerken mit bis zu 50 Freunden in sozialen Netzwerken „teilen“ können. (Videomitschnitt hier.)

Die verschiedenen Modelle wurden nun von Urhebern aus unterschiedlichen Branchen kommentiert und bewertet. Dabei wurde schnell deutlich, dass sich beispielsweise Musiker und Journalisten schwer über einen Kamm scheren lassen. Literaturübersetzer Peter Klöss wies darauf hin, dass von 1,5 Milliarden, die durch die Einführung einer „Tauschlizenz“ zu erwarten wären, wohl kaum mehr als 10% an die Buchbranche fließen würden. Aufgeteilt unter allen Wahrnehmungsberechtigten der VG WORT käme dabei ein Betrag von gerade einmal 400 Euro jährlich heraus. Andrea Goetzke von der a2n wies darauf hin, dass neue Vergütungsmodelle nicht zuletzt technikneutral sein sollten. Abgaben auf Filesharing zu erheben, während die meiste Musik mittlerweile per Stream konsumiert werde, sei rückwärtsgewandt. Jan Engelmann von Wikimedia Deutschland gab zu bedenken, dass die meisten Urheber der Wikipedia nicht aus monetären, sondern intrinsischen Motiven mitarbeiten. Für all diese kleinteiligen Beiträge Geld einzuziehen und zu verteilen, sei eine unsinnige Aufgabe. Der Filmemacher Thomas Frickel wies darauf hin, dass die professionelle Produktion von Filmen ohne Vorschüsse kaum zu finanzieren sei.

Die Schlussrunde drehte sich dann um die kulturpolitische, die wirtschaftliche und die politische Dimension der vorgestellten Modelle. Jurist Till Kreutzer von iRights.info räumte ein, dass weder eine „Tauschlizenz“ noch gar eine „Kulturwertmark“ ohne größere Änderungen im internationalen Rechtsrahmen zu realisieren sei. „Aber was juristisch machbar ist, hängt immer davon ab, was politisch durchsetzbar ist“, so Kreutzer. Gesetze könne man schließlich auch ändern. Aus ökonomischer Sicht bezweifelte Marcel Weiß von neunetz.com indes, ob man Pauschalvergütungen überhaupt brauche. Um wegbrechende Erlöse zu kompensieren, sollten die Verwerter sich lieber neue Geschäftsmodelle ausdenken, und genau dies täten sie ja auch. Man solle dem Markt mehr Zeit geben, das Problem selbst zu lösen. Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion, betonte am Ende vor allem ihre Ratlosigkeit angesichts der vielen offenen Fragen. Ausdrücklich plädierte sie aber dafür, neue Modelle nicht nur zu diskutieren, sondern in Modellversuchen praktisch auszuprobieren. Auch äußerte sie Sympathie für die Idee, dass die Nutzer in den Gremien der Verwertungsgesellschaften vertreten sein sollten. (Videomitschnitt hier.)

Kathrin Senger-Schäfer, medienpolitische Sprecherin, zog am Ende Bilanz. (Videomitschnitt hier.) Beachtlich war vor allem die konstruktive Gesprächsatmosphäre der Konferenz. Dies mag daran liegen, dass weder Vertreter der Verwerter noch professionelle Interessenvertreter der Urheber auf den Podien saßen, sondern einerseits Urheber, andererseits Nutzer. Dass die Diskussion nicht in die bei Urheberrechtsthemen übliche gegenseitige Beschimpfung ausartete, wurde allgemein als positiv empfunden. Vielleicht macht das Modell, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, ja bei anderen Veranstaltungen Schule.

9 Kommentare zu “Konferenz Kreatives Schaffen: konstruktiver Dialog zwischen Urhebern und Nutzern”

  1. […] Stefan Krempl fasst bei Heise die Diskussionen über neue Vergütungs- und Finanzierungsmodelle auf der Konferenz „Kreatives Schaffen in der digitalen Welt” zusammen. Auch Ilja Braun berichtet. […]

  2. […] Medienordnung schaffen Positionspapier des Parteivorstandes « Konferenz Kreatives Schaffen: konstruktiver Dialog zwischen Urhebern und Nutzern […]

  3. […] dem Chaos Computer Club (ccc), der AG Dokumentarfilm und Digitale Gesellschaft e.V. zu einer Veranstaltung über das Urheberrecht […]

  4. […] Urheber leben, wenn das Urheberrecht im Digitalzeitalter nicht mehr so recht funktioniert?, fragt Ilja Braun in Digitale Linke. Sharen mit:TwitterFacebookFlattrE-MailGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem diese(r) Artikel […]

  5. […] es auch anders geht, zeigt dieser Bericht von einer Veranstaltung in Berlin, bei der es ebenfalls um eine Reform des Urheberrechtes ging. […]

  6. […] “Konferenz Kreatives Schaffen in der Digitalen Welt” (9.5.2012, Ilja Braun, Blog Digitale Linke) […]

  7. […] Debatte wird darum geführt, wie im Netz mit Kulturgütern so umgegangen wird, dass eine Win-win-Situation für […]

  8. […] “Konferenz Kreatives Schaffen in der Digitalen Welt” (9.5.2012, Ilja Braun, Blog Digitale Linke) […]

  9. […] 2012 eine Konferenz “Kreatives Schaffen in der digitalen Welt” durchgeführt, über die hier berichtet […]

 

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